Sie nennen ihn den „weißen Blitz“ und das gefällt Matthew Boling überhaupt nicht. Er versteht nicht, was seine Hautfarbe damit zu tun haben soll, dass er so schnell rennen und so weit springen kann. Aber „es ist, wie es ist“, sagte Boling, der neue Shootingstar der Leichtathletik. Wie sein Spitzname stattdessen lauten sollte? „Matt“, sagte Boling. Der Lockenkopf scheint ein unprätentiöser junger Kerl zu sein. Keine großen Posen, keine übertriebenen Gesten, keine extravaganten Auftritte. Am liebsten hänge er mit Freuden ab, spiele Videogames oder schaue Netflix, sagt er.

Aber einfach nur „Matt“ ist für einen, der geschafft hat, was zuvor nur dem neunmaligen Olympiasieger Carl Lewis gelang, wohl ein bisschen zu langweilig. Wie die Leichtathletik-Legende knackte Boling in einem Jahr die Zehn-Sekunden-Marke über 100 Meter (9,98), lief die 200 Meter schneller als 20 Sekunden (19,92) und landete in der Weitsprunggrube erst nach mehr als acht Metern (8,25). „Ich bin auf jeden Fall zufrieden damit, wo ich im Moment stehe“, sagte der Student der University of Georgia.

Matthew Boling mit Wahlspruch der Jesuiten

Lewis schaffte dieses Kunststück gleich mehrfach und die Zahlen vom ersten Mal (9,97 und 19,75 Sekunden sowie 8,79 m aus dem Jahr 1983) lesen sich noch beeindruckender, aber auch Boling sieht sich noch lange nicht am Ende. „Es ist ein steiniger Weg, den wir umsetzen müssen“, sagte der gläubige Christ: „Es ist nicht so, dass ich mir einfach meinen Lauf ansehe und der Trainer sagt: ‚Oh, du musst das machen.‘ Und beim nächsten Mal mache ich das perfekt. Es ist ein Prozess.“

Nachdem Boling am vergangenen Wochenende seinen schnellen 200-Meter-Lauf hingelegt hatte, postete er auf Instagram ein Video des Rennens. Dazu schrieb er den Hashtag „Fortschritt“ und die Abkürzung „AMDG“, was heißt: Ad maiorem Dei gloriam – alles zur größeren Ehre Gottes. Es ein Wahlspruch der Jesuiten. Sein 100-Meter-Lauf wurde auf Twitter bereits mehr als eine Million Mal angeklickt. Der Kerl, der auf eine Jesuitenschule ging und aus Houston, Texas, stammt, gilt als Leichtathletik-Sensation – weil er weiß und so schnell ist.

Im Kaufhaus wird er nach Selfies gefragt, TV-Sender laden ihn ein, mit der Fastfood-Kette Dunkin’ Donuts hat er einen Sponsorendeal abgeschlossen und promotet deren Getränk mit gesalzenem Karamellschaum. „Die Hautfarbe verschafft dir vielleicht Aufmerksamkeit. Damit kommt man auf die Party“, sagte der frühere Sprinter Ato Boldon aus Trinidad und Tobago: „Die Frage ist: Kannst du tanzen? Und dieser Junge kann tanzen.“ Seit kurzem leitet ihn Caryl Smith Gilbert dabei an. Die Trainerin entwickelte zuvor schon andere Sprinter, unter anderem den kanadischen 200-Meter-Olmpiasieger von Tokio, Andre De Grasse.