Meisterfeier 1970 in Mönchengladbach: Günter Netzer, Berti Vogts und Hennes Weißweiler 
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MönchengladbachViele Tatbeteiligte sind in diesen Tagen gefragt worden, wie es war, als die Borussia aus Mönchengladbach erstmals Deutscher Meister wurde – an jenem Donnerstag vor 50 Jahren: Diffuse Erinnerungen kam ans Licht, von einem Ereignis wussten sie alle, die Herren Kleff, Köppel, Wimmer, Schäfer und Co.: Kaum war das dramatische Spiel am 30.4.1970 gegen den HSV 4:3 gewonnen, nach lässiger 4:0-Führung inklusive Tor durch Berti Vogts und angstvoll schweren Beinen gegen Ende, da läuteten ringsum die Glocken.

Die klingende Katholikenchoreo hatten sich die Pfarrer von St. Elisabeth und St. Mariä Rosenkranz ausgedacht. Torwart Wolfgang Kleff findet das angemessen: „Wir waren ja so was wie Heilige.“ Dem Glockenklang folgte der selige Tanz in den Mai, bis kein Tropfen Altbier mehr im Glase blieb. Die randständige Stadt am Niederrhein hatte fortan außer Regen, Textilindustrie und dem einstigen Namen München-Gladbach etwas zu bieten: Ihre Borussia, Verein für Leibesübungen 1900 e.V. samt Bökelberg, 61 Meter über Meeresspiegel.

Den Gladbachern und ihren forschen Auftritten galten, zumindest jenseits von München und dem Nachbarn Köln, landesweit viele Sympathien. Bald war der Mythos vom Fohlenfußball geboren, vom angriffslustig-schönen Spiel, vom angeblich aufgeklärten, linken Spiel, Gegenentwurf zum reaktionären, bösen Bayernfußball.

Kapitän Günter Netzer, der Spiellenker, „kam aus der Tiefe des Raumes“ (FAZ) und zauberte ewig lange Pässe aus dem Nichts ins Exaktdorthin. Nebenberuflich war er örtlicher Diskothekenbesitzer („lovers lane“) und wurde als Revoluzzer gefeiert. Das lag am wallend blonden Haar,schwarzem Existenzialistenzwirn, lässiger Spielweise samt sperrigem Habitus. Aber nein, sagte Netzer später, politisch oder aufbrüchlerisch sei er nie gewesen. 1973 ging er zu Real Madrid, dem Klub des noch amtierenden Faschisten Franco.

In den Siebzigern holte die Borussia vier weitere Meisterschaften und zwei Europapokalsiege. Und da war der rauschhafte Pokaltriumph 1973 gegen den 1. FC Köln, bei dem sich Netzer in seinem letzten Spiel selbst einwechselte und umgehend das spektakuläre Siegtor schoss. Borussia beherrschte die Schlagzeilen ein komplettes Jahrzehnt lang – da war der Pfostenbruch gegen Werder Bremen, der Büchsenwurfskandal gegen Inter Mailand, 1976 die fatalste Abseitsentscheidung seit Erfindung der Seitenlinie (Madrid, gegen Real mit Netzer und Schiedsrichter Van der Kroft) und der bis her höchste Ligasieg (12:0 gegen Dortmund).

Diesem Team flogen die Herzen zu. Später folgten zwei Spieler, die in Sachen Sympathie bis heute am Ende der Skala rangieren: Lothar Matthäus und Stefan Effenberg. Beide reiften in Gladbach zu verzogenen Spätfohlen und gingen dann nach München. Und es gab die dämlichste Werbung im deutschen Stadionwesen – für ein Bordell: „Ob Norden, Süden, Osten, Westen – Heppos Frauen sind die besten. Nachtclub Harem, in Arsbeck an der Kirche...“

Architekt der Erfolgsära war Trainer Hennes Weisweiler (bis 1975). Wobei Architekt etwas feinsinnig wirkt. Dieser Weisweiler hatte viele Seiten – mal bauernschlauer Motivator, mal griesgrämiger Polterer. Er war Frohnatur, Lebemann, Kneipenfreund, Gefühlsmensch, Charismatiker, Disziplinfanatiker. So nennen ihn Zeitzeugen heute noch. Aber auch: Choleriker mit rabiatem Umgangston, Autokrat, Kotzbrocken, dickfellig und dünnhäutig zugleich. Vogts sagt: „Ihm verdanke ich alles.“

Weisweiler pendelte während seines Trainerjobs über die Landstraße fast täglich 60 Kilometer nach Köln, eine Autobahn gab es nicht, wo er an der Sporthochschule lehrte. Trotz Gelehrtentums setzte er selten auf strategische Finessen, sondern auf Handlungsschnelligkeit, auf situative Klugheit, Intuition, offensive Leidenschaft und Erfolgsgier. „Zufriedene Zweite sind ewige Verlierer“, sagte er mal. Mit Netzer verband ihn eine Art Hassliebe. Sein legendärer Satz: „Abseits ist, wenn dat lange Arschloch zu spät afspellt.“

Manches bleibt im Nebel. Erst 2014, mehr als 30 Jahre nach seinem plötzlichen Herztod 1983, erschien das erste Buch über den verehrten Don Hennes. Anderes kommt erst heute ans Tageslicht: 1968 verpflichtete Weisweiler den unbekannten Winfried Schäfer. Warum gerade den? „Der Hennes sagte“, erklärte Schäfer jetzt der Süddeutschen Zeitung, „ein Rothaariger kann nur wie ein Engländer sein. Er hat den englischen Fußball geliebt.“ So also ging 68er-Scouting.

1970, nach dem Ersttitel, holte Weisweiler von Hannover 96 einen gewissen Jupp Heynckes. Der hatte keine roten Haare, aber alle Fähigkeiten beim Torschuss – vielleicht aber wusste der Instinktmensch Weisweiler auch, dass sein Stürmer später den Spitznamen „Osram“ bekommen sollte.