Cenk Sahin ist vom Zweitligisten FC St. Pauli wegen eines Posts zur türkischen Syrien-Intervention rausgeworfen worden.
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„Sie haben es schon wieder getan“, empörte sich Bild gestern Morgen und glaubt sich dabei einig zu wissen mit der Volksmeinung: Türkische Fußballspieler, die nach dem Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen den Weltmeister Frankreich die Hand zum Salut an die Stirn legen, offenbar aus Solidarität mit ihrer im Norden Syriens kämpfenden Armee – unerhört, das dürfen die nicht!

Uefa erwägt Sanktionen

Tatsächlich dürfen sie es nicht – denn die Statuten der Uefa verbieten politische Bekundungen jeder Art. Die zuständigen Gremien des Verbandes wollen noch diese Woche beraten, womöglich werden Sanktionen verhängt. Und damit wäre der Fall an sich erledigt. Doch leider drängt sich der Verdacht auf, dass es hier nicht um die Verletzung irgendwelcher Regularien geht: In nahezu jeder Geschichte über den „Torjubel-Skandal“ schwingt auch eine gesinnungsethische Anklage mit: Sie dürfen es nicht, weil es moralisch verwerflich ist. Oder besser: weil wir es für moralisch verwerflich halten. Aber steht uns das zu?

Natürlich steht es außer Frage, dass die von der Türkei sogenannte „Operation Friedensquelle“ eine fatale Unternehmung ist, so wie jeder Krieg Not, Tod und Zerstörung mit sich bringt. In der Geste der türkischen Nationalspieler ist nichts darüber gesagt, ob sie sie diesen Krieg begrüßen. Sie salutieren lediglich „für diejenigen, die für unser Land ihr Leben riskieren“, wie der Stürmer Cenk Tosun nach dem ersten „Salut-Jubel“ am Freitag in den sozialen Medien schrieb. Und das ist etwas anderes

Wenn junge türkische Männer anderen jungen türkischen Männern, die ihre Brüder oder Cousins sein könnten oder es vielleicht sogar sind, aber leider nicht das Glück haben, Fußball spielen zu dürfen, sondern in einen Krieg geschickt werden – wenn also junge Männer den Soldaten ihres Landes ihre Anteilnahme versichern, so ist daran prinzipiell nichts Verwerfliches.

Cenk Sahin betet

Schon gar nicht, wenn man dazu nicht einmal die Bühne eines EM-Qualifikationsspiels nutzt. Sondern, wie der St.-Pauli-Profi Cenk Sahin, lediglich seinen privaten Instagram-Account bemüht, auf dem der 25-jährige Stürmer versicherte, „an der Seite“ der Armee zu stehen – verbunden mit dem Gruß: „Unsere Gebete sind mit euch.“ Sein Verein schmiss ihn daraufhin raus. Sahin habe „die Syrien-Offensive der Türkei begrüßt“, verbreitete dpa daraufhin flächendeckend – und infamerweise. Denn das hat er nicht. Im Gegenteil. Er betet dafür, dass seine Freunde bald und heil da wieder rauskommen. Das darf er.