Berlin - Johannes Golla klang erleichtert und erschöpft zugleich. Während er so über den vorentscheidenden Sieg gegen Slowenien sinnierte, lief in der Berliner Max-Schmeling-Halle im Hintergrund „Money for Nothing“ von den Dire Straits. Der Inhalt des Songs aus den 1980er-Jahren, also Geld fürs Nichtstun zu bekommen, wollte so gar nicht zur Leistung der deutschen Handballnationalmannschaft passen. Die hatte in drei Tagen jede Menge geleistet. Sich am Freitag ein Last-second-Unentschieden gegen Vizeweltmeister Schweden erkämpft, am Sonnabend gegen Slowenien in einen 45-minütigen Rausch und damit zu einem 36:27-Sieg gespielt. Und schlussendlich am Sonntag mit einem 34:26-Erfolg gegen Algerien das Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio aus dem Automaten geholt.

Kritische Töne zum Turniermodus

Wer erfolgreich ist, sollte eigentlich keine Zweifel äußern und doch gab es von Johannes Golla kritische Töne: „Es ist fragwürdig, innerhalb von drei Tagen drei Spiele zu bestreiten, wo es um alles geht“, sagte der Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt. Trotz hoher und sicherlich auch unnötiger Belastung haben sich die drei Turniertage in Berlin gelohnt. Nach Platz zehn bei der Weltmeisterschaft in Ägypten im Januar waren Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Mannschaft aufgekommen. Auch deshalb steckte in dem kleinen Nebensatz, den Andreas Michelmann bereits am Sonntagmittag verlauten ließ, eine gewisse Genugtuung. Das deutsche Männerteam habe sich nur für die Olympischen Spiele qualifiziert, sondern man habe auch „diesen oder jenen“, der sich zuletzt negativ was die „Möglichkeiten der Mannschaft anbelangt, widerlegt“, sagte der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB).

So ernüchternd das Abschneiden in Ägypten war, so erklärbar sei es gewesen und wurde auch verbandsintern so behandelt. Mit dem Berliner Fabian Wiede und den Kielern Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold hatten Leistungsträger gefehlt und konnten nicht ersetzt werden. Was sich im Moment der Weltmeisterschaft als sportlich nachteilig herausstellte und die Improvisationstalente von Bundestrainer Alfred Gislason herausforderte, erwies sich mit Blick auf die drei Spiele des Olympischen Qualifikationsturniers als große Entwicklungsplattform für andere Spieler.

Namentlich für Johannes Golla und Marcel Schiller. Der eine, Golla, musste viel spielen, weil mit Pekeler und Wiencek der komplette Mittelblock in Deutschland geblieben war. Und der Kreisläufer überzeugte in Angriff und Abwehr. Der andere, Schiller, erhielt bei der Weltmeisterschaft viel Einsatzzeit, weil Kapitän Uwe Gensheimer zu häufig vom Siebenmeterstrich sowie bei vielen freien Würfen scheiterte. Und der Linksaußen aus Göppingen zeigte sich eiskalt.

Umstellung in der Abwehr als wichtiger Schachzug

Als Gensheimer jetzt gegen Schweden abermals schwächelte, wurde Schiller eingewechselt und knüpfte nahtlos an die Leistung der WM an. Mit fünf Treffern war er bester deutscher Werfer, traf dabei drei Siebenmeter und erzielte zwei Sekunden vor dem Ende den so wichtigen Treffer zum 25:25-Ausgleich. Der wohl wichtigste Schachzug aber war die Umstellung in der deutschen Abwehr. Als Gislason gegen Schweden den Kieler Mittelblock in der Abwehr auseinanderriss und Golla für Wiencek brachte, sorgte das für die zwischenzeitlich verloren gegangene Stabilität und ermöglichte erst die erfolgreiche Aufholjagd. Anders als bei der Weltmeisterschaft hatte der Bundestrainer in Berlin die Alternativen, die es braucht, um auch sportlich erfolgreich zu sein.

Und er nutzte sie. Gegen Slowenien schickte Gislason Johannes Golla und Hendrik Pekeler in den Innenblock, gegen Algerien spielte zunächst Patrick Wiencek an der Seite von Golla. Die funktionierende Abwehr half den Torhütern Andreas Wolff und Silvio Heinevetter, die am Sonnabend und Sonntag ein starker Rückhalt hinter der Abwehr waren. „Dadurch sind wir in das Tempospiel gekommen“, sagte Golla. Auch mit ihm als treffsicheren Kreisläufer, der sich zudem bei seiner Wurfauswahl sehr variantenreich und damit als wertvolle Ergänzung für das deutsche Team gezeigt hat.