Berlin - Alfred Gíslason verzog keine Miene. Seine Vorgabe für den Turnierstart? „Gewinnen“, sagte der Bundestrainer enorm fokussiert und voller Tatendrang. Vor dem EM-Auftakt gegen Belarus am Freitag (18 Uhr, ARD) scharren die deutschen Handballer mit den Hufen, das DHB-Team ist wild entschlossen. „Es fühlt sich ein bisschen anders als in den vorherigen Jahren“, sagte Rückraumspieler Julius Kühn am Donnerstag im eisig kalten Bratislava: „Es liegt etwas Besonderes in der Luft bei uns.“ Und selbst der schlachtenerprobte Gíslason meinte: „Auch für mich ist spannend, was nun kommt. Jetzt ist die Realität, jetzt können wir anfangen.“

Tatsächlich weiß nach der intensiven Vorbereitung keiner so recht, wo das deutsche Team steht. Spielmacher Philipp Weber nannte die DHB-Auswahl angesichts der erfolgreichen Generalprobe gegen Olympiasieger Frankreich gar eine „Wundertüte“. Und so sprach Gíslason vor dem Start gegen den wohl stärksten deutschen Vorrundengegner von einer „wegweisenden“ Partie und bezifferte die Chancen auf „50:50“. Es sei zwar „kein Endspiel, aber mit einem positiven Erlebnis in das Turnier zu kommen, wäre extrem wichtig für den weiteren Verlauf“. Weitere deutsche Vorrundengegner sind am Sonntag (18 Uhr, ARD) Österreich und am Dienstag (18 Uhr, ZDF) Polen.

Nach Jahren der Tristesse mit lauter Turnier-Enttäuschungen seit dem Titelgewinn 2016 will das runderneuerte Team um Kapitän Johannes Golla eine neue Handball-Euphorie in Deutschland entfachen. Eine Verbandsvorgabe gibt es diesmal nicht, die Unbekümmertheit der international unerfahrenen Mannschaft soll zum großen Trumpf werden. Gleich sieben Spieler feiern in der Slowakei schließlich ihr Turnier-Debüt. „Die Anspannung ist nicht zu groß, weil ich ein gutes Gefühl habe“, sagte der neue Anführer Golla, der das Kapitänsamt des zurückgetretenen Uwe Gensheimer übernommen hat.

Sorgen bereitet der deutschen Delegation einzig die prekäre Corona-Situation. Am Donnerstag meldeten nun auch die Polen, die im selben Hotel wie das bislang verschont gebliebene deutsche Team untergebracht sind, fünf neue Fälle. „Wir müssen nur gesund bleiben, dann kommen wir relativ weit“, sagte Kühn mit einem Augenzwinkern – wohlwissend, dass die Einschläge immer näher kommen. Personell kann Gíslason am Freitag wohl aus dem Vollen schöpfen. Die geprellte Schulter von Weber zwickte im ersten Teamtraining in Bratislava zwar noch, doch Gislason geht „davon aus, dass er bereit sein wird für das Spiel – so wie alle anderen auch“. Bei Weber sei es „extrem wichtig, dass er voll bei Kräften ist“.

Gíslasons Team kann befreit aufspielen. Nach den Misserfolgen in den vergangenen Jahren mit dem negativen Höhepunkt der schlechtesten WM-Platzierung in der Geschichte vor Jahresfrist in Ägypten kann Deutschland fast nur positiv überraschen.