Er kritisiert diejenigen, die fehlen: der frühere Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter. 
DPA/Michael Kappeler

BerlinIm Mai, als die Corona-Krise schon einige Wochen alt war, forderte Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), eine stärkere nationale Wahrnehmung des Sports in Berlin. „Eine exzellente Lobby scheint der Wirtschaftsbetrieb Fußball zu haben, der restliche Sport deutlich weniger“, bemerkte der SPD-Kommunalpolitiker.

Allerdings scheinen er und sein Verband, zumindest jedoch die höchste Meisterschaft, die der DLV auf nationaler Ebene ausrichten kann, in den eigenen Reihen kaum eine bessere Lobby zu haben. Sonst hätten die namhaftesten Leichtathleten nicht ihre Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften abgesagt, die am Wochenende ohne Zuschauer in Braunschweig stattfinden.

Nach den Speerwurf- und Diskus-Olympiasiegern Thomas Röhler und Christoph Harting entschieden sich Kugelstoßerin Christina Schwanitz, Sprinterin Gina Lückenkemper und Läuferin Konstanze Klosterhalfen gegen einen Start. Dazu gab am Freitag Jackie Baumann, 24, überraschend ihr Karriereende bekannt. Die Tochter von Olympiasieger Dieter Baumann hätte zu den Favoritinnen über 400 Meter Hürden gehört.

Natürlich ist die sportliche Relevanz einer deutschen Meisterschaft in der Corona-Saison, in der kein Sportler sein Training wie geplant absolvieren konnte, niedrig – zumal alle ihren Fokus bereits auf Olympia 2021 gerichtet haben. Und natürlich hat die Veranstaltung auch monetäre Gründe. ARD und ZDF übertragen, Sponsoren können so zur Geltung kommen. Bei einer Komplett-Absage wäre der Verlust „im hohen sechsstelligen Bereich gewesen“, erläuterte Kessing.

Andererseits gibt es Athleten wie die Berliner Sprinterin Lisa-Marie Kwayie, die diese Meisterschaft als willkommene Wettkampf-Chance sehen. „Was ist das denn für eine Botschaft, wenn gerade unsere Aushängeschilder passen?“, fragt Speerwerfer Johannes Vetter. Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz hatte zunächst ihre Teilnahme absagen wollen, dann aber verstanden, dass es dieses Mal nicht um Sieg oder Niederlage gehe, „sondern um Präsenz: des Konzeptes und der Athleten. Das will ich unterstützen.“ Dass sich viele Topathleten anders entschieden haben, spricht nicht für Harmonie im DLV.