Schneller, höher, weiter: Eine Olympiamedaille der Winterspiele in Cortina d'Ampezzo 1956, dem Beginn des Erhebungszeitraums der Studie.
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BerlinDeutsche Olympia-Teilnehmer sterben früher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Deutsche Olympiasieger sterben früher als Sportler, die bei den Spielen keine Medaillen gewinnen. Unter Olympiateilnehmern haben Frauen eine höhere Überlebenschance als Männer. Das sind Ergebnisse einer Studie, die die Mortalitätsrate aller 6.066 Deutschen bei den Olympischen Spielen 1956 bis 2016 untersucht und ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzt. Eine derartige Untersuchung gab es hierzulande noch nicht. Überraschend: Die Sterblichkeitsrate unter Olympiateilnehmern aus dem Westen des Landes ist größer als unter jenen aus dem Osten. Wobei Olympiasieger aus dem Osten wiederum eine deutlich geringere Überlebenswahrscheinlichkeit als westdeutsche Olympiasieger haben.

Das Papier ist mit "Jung stirbt, wen die Götter lieben?" überschrieben. Für die Veröffentlichung in der Zeitschrift „German Journal of Exercise and Sport Research“ hat die Analyse den üblichen Gutachter-Prozess durchlaufen. Der Autor, Professor Lutz Thieme, lehrt am RheinAhrCampus der Hochschule Koblenz Sportmanagement und Sportökonomie. Thieme war selbst Leistungssportler, in den 80er Jahren als Schwimmer beim SC Turbine Erfurt. Bis 2019 engagierte er sich als ehrenamtlicher Präsident, um den in Turbulenzen geratenen Landessportbund Rheinland-Pfalz wieder in ruhiges Fahrwasser zu manövrieren.

Die spannenden Daten können sportpolitische Diskussionen auf mehreren Ebenen befruchten. Wenn olympische Erfolge zu einer signifikant höheren Sterblichkeit führen, lassen sich daraus ethische, medizinische und politische Fragen und Forderungen ableiten. Die Frage „welchen Leistungssport wollen wir“, stellt Thieme als Wissenschaftler und im Ehrenamt seit langem. Unter welchen Bedingungen kann man es verantworten, Kinder und Jugendliche für den Hochleistungssport auszubilden, wenn gleichzeitig klar ist, dass die Lebenserwartung der Olympiakader sinkt? Auch vor dem Hintergrund der erbitterten Diskussionen über Dopingschäden, das Dopingopferhilfegesetz und eine vermutete hohe Sterblichkeitsrate unter Opfern sind die Ergebnisse relevant.

„Olympiateilnehmer aus der DDR haben eine höhere Lebenserwartung“, heißt es in dem Papier. „Ich weiß, dass das erstaunt und zu Diskussionen führen wird“, sagt Thieme, „aber das ist nun mal das Ergebnis. Da wird nichts zurecht gebogen.“

In die Untersuchung flossen Daten von allen 6.066 deutschen Sportlern ein, die zwischen 1956 (Winter in Cortina d’Ampezzo) und 2016 (Sommer in Rio de Janeiro) an den Spielen teilgenommen haben. 1.959 Frauen und 4.107 Männer. 400 Sportler, darunter 138 Medaillengewinner , waren zum Stichtag 1. Juli 2019 verstorben. Der vergangene Woche gestorbene Thüringer Hartwig Gauder, Olympiasieger im Gehen, taucht also nicht im Datensatz auf.

Für die Zeit von 1956 bis 1988 kamen 2.107 Olympiateilnehmer aus der BRD und 1.634 aus der DDR. Davon haben 2.071 Sportler (715 Frauen, 1.356 Männer) Medaillen gewonnen. Thieme hat die Untersuchung mit mehreren Standardverfahren der medizinischen Statistik durchgeführt und abgesichert. Die Daten der Sportler wurden mit der Human Mortality Database (HMD) verglichen, die ebenfalls Standard ist.

Für westdeutsche Olympiateilnehmer in der Altersgruppe 15-34 lag das Sterberisiko in allen untersuchten Generationen deutlich über dem Wert der Gesamtbevölkerung. Bei den älteren Olympiateilnehmern (35-64 Jahre) lag das Sterberisiko von 1956 bis 1994 unter dem Durchschnitt. Ab 1995 ist die Mortalitätsrate unter Olympiateilnehmern doppelt so hoch.

Die Werte der ostdeutschen Olympiateilnehmer (15-34) liegen im Vergleich zur Bevölkerung in der DDR und den ostdeutschen Bundesländern ebenfalls höher - liegen aber deutlich niedriger als im Vergleich zu den westdeutschen Sportlern. In der Altersgruppe 35-64 ist die Sterblichkeit für die Zeiträume bis 1994 ebenfalls unterdurchschnittlich, seit 1995 deutlich höher. Für die 2.325 Olympiateilnehmer seit der Wiedervereinigung hat Thieme zum Stichtag 1. Juli 2019 nur sieben Todesfälle erfasst. Die Werte liegen dennoch etwas über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Die Daten in den klassischen Dopingsportarten weichen nicht von anderen Sportarten ab. Auch zwischen Teilnehmern und Medaillengewinnern sind keine Unterschiede nachzuweisen. Wohl aber zwischen Olympiasiegern und Teilnehmern - Goldmedaillen bedeuten Einbußen an Lebensjahren. Bei Sportlern, die keine Olympiamedaillen gewonnen haben, ist die Mortalitätsrate der ostdeutschen Teilnehmer geringer als der westdeutschen Sportkameraden.

Für Deutschland gab es bislang nur eine ähnliche Studie, in der die Mortalität von 812 Fußball-Nationalspielern der Jahre 1908 bis 2006 überprüft wurde. Die Sterblichkeit war über die Jahrzehnte durchweg höher - je jünger Spieler in die Nationalmannschaften berufen wurden, desto größer das Risiko eines frühzeitigen Todes. International sind mehr als ein Dutzend Studien bekannt, die Sterblichkeitsraten von Spitzensportlern analysieren.

Deutsche Leistungssportler sind eine Risikogruppe, schreibt Lutz Thieme. Olympische Karrieren werden mit dem „Einsatz von Lebenszeit“ bezahlt. Dieser Effekt steige mit zunehmendem Erfolg. Thieme plädiert für eine von „Sportverbandsinteressen unabhängige medizinische Überwachung“. Alles andere sei ethisch nicht zu verantworten. Der Schlusssatz der Studie ist als Plädoyer für einen Ausgleich, zum Beispiel durch eine Sportlerrente, über die bereits debattiert wird: „Wenn individuelle sportliche Leistungen weiterhin gesellschaftlich angeeignet werden, sind deren Erbringer für die entgangene Lebenszeit zu entschädigen.“