Im Raum „Gold 1“ in der Frankfurter Zentrale des Deutschen Olympischen Sportbundes wurden gestern viele Folien und Zahlen an die Wand geworfen. Dazu, wie viel Geld die 34 olympischen Spitzenverbände bekommen, nach welchen Kriterien es verteilt wird und mit welchen Zielen der Sport bei den Spielen in Sotschi und Rio antritt. Es waren so viele, dass Michael Vesper, der DOSB-Generaldirektor, gar von „allergrößter Transparenz“ sprach.

Kein Zweifel, die Zeiten haben sich geändert für den Dachverband, seit zwei Journalisten der WAZ-Gruppe vorigen Sommer gegen erbitterten Widerstand aus Sport und Bundesministerium des Innern (BMI) die Offenlegung der Medaillenpläne aus den sogenannten Zielvereinbarungen gerichtlich erstritten haben. Die Sache brachte bekanntlich ein Desaster mit sich: Groteske 86 Medaillen in London hatte der DOSB als Gegenleistung für die Fördermillionen des Bundes versprochen. 44 wurden es. Selbst im Bundestag firmierte die Fehleinschätzung fortan unter dem bösen Begriff „Steuerbetrug“.

Nun, solche Vorwürfe werden künftig am Dachverband abprallen. Statt strikter Vorgaben legte der DOSB für Sotschi einen „Medaillenzielkorridor“ fest. In dem sollen 27 bis 42 Plaketten zu holen sein. Für Rio wird ein „Potenzial“ von 40 bis 70 Medaillen definiert. Vesper formulierte auch sonst ungewohnt zurückhaltend: „ein Podestplatz“ 2014 in der Nationenwertung. 2016 solle „der positive Trend fortgesetzt werden“.

Ist nun alles gut? Nicht wirklich. Und damit zur finanziellen Versorgungslage. Rund 36 Millionen Euro fließen den Verbänden in diesem Jahr zu, davon acht Millionen für Projekte wie Trainingslager. Diese Mitteilung wurde verbreitet: „Die Konferenz der Spitzenverbände hat gezeigt, dass der DOSB mit großer Geschlossenheit, Solidarität und Transparenz in die Förderperiode bis 2016 geht.“ Richtig ist: Bei dem Treffen Anfang Juni stimmten die Verbände nur über einen Verteilerschlüssel für 1,3 Millionen Euro ab, über einen Aufschlag, der in diesem Jahr für Projekte noch gezahlt wird. Wer wie viel bekommt, richtet sich nach Erfolgen und realistischen Medaillenchancen. „Für 2014 muss sich da schon drastisch etwas ändern, da werden wir das nicht kampflos hinnehmen“, kündigt beispielsweise Thomas Weikert an, der Präsident des Tischtennis-Bundes. Die Mannschaftssportler, die er in der Sprechergruppe der Spitzenverbände vertritt, wollen gern weg von der „reinen Medaillenzählerei“ und von der Begünstigung von Sportarten, die zwar viele Medaillen holen können, aber im Breitensport kaum Basis haben. Weikert sagt: „Trotzdem haben wir jetzt erst einmal zugestimmt. Denn wir haben Juni. Das ist der Witz in Tüten. Es gibt Projekte, die im März begonnen haben. Was sollen wir denn sonst als ordentlich wirtschaftender Verband machen?“

Die Debatte um ein langfristig haltbares Verteilungsmodell mit inhaltlich überzeugenden Kriterien ist also in vollem Gange unter der vermeintlich glatten Oberfläche – zumal die Forderung von DOSB-Präsident Thomas Bach nach 25 Millionen Euro Zuschlag beim Bund auf wenig Gegenliebe stößt.

Von Fliehkräften im DOSB zeugt ein weiterer Vorgang: In München treffen sich heute die Sportdirektoren der Spitzenverbände zum „Strukturgespräch“. Thema ist ein brisantes Strategiepapier, das der Sportförderung attestiert, sie sei „nur noch bedingt zukunftsfähig“. Sein Kern kam via Frankfurter Allgemeine an die Öffentlichkeit – unter dem irreführenden Label „Überlegungen des deutschen Spitzensports“. Tatsächlich taten sich die Hauptamtlichen, vor allem aus dem Wintersport, ohne den Segen des DOSB zusammen. Ihre wichtigste Reformidee orientiert sich am erfolgreichen britischen Modell: Die Steuerung des Spitzensports soll dem Dachverband entzogen und in eine gemeinnützige GmbH überführt werden. Der DOSB reagierte rasch auf das klare Misstrauensvotum gegen seinen Bereich Leistungssport, dem überbordende bürokratische Neigungen bescheinigt werden. Auf Anfrage teilt er erstens mit, dass diese Arbeitsgruppe mit einer anderen „zusammengeführt“ wird. Zweitens werde eine Ausgliederung „derzeit nicht diskutiert“. Es gehe „ausschließlich darum“, die Steuerung des Spitzensports „unter der Führung des DOSB noch effizienter zu gestalten“. Das kann schon sein. Aber ganz sicher ist nicht einmal das.