Julia Behnke verkörpert in der deutschen Handball-Auswahl internationale Klasse.
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TokioEs zählt zu den oft gehörten und als richtig erwiesenen Weisheiten im Sport, dass es hilft, sich immer nur auf die direkt vor einem liegende Aufgabe zu fokussieren. Daran versuchen sich gerade die deutschen Handball-Frauen, die im Süden Japans, in der Präfektur Kumamoto, am Sonnabend in die Weltmeisterschaft starten. Im Duell gegen Brasilien sind die Schützlinge von Henk Groener gleich zum Auftakt gefordert und benötigen einen Sieg, um gute Chancen auf den Einzug in die Hauptrunde zu bewahren. Mannschaft und Trainer sind voll auf den WM-Auftakt konzentriert, während der Verband weiter denkt und ein gutes Abschneiden in Japan nutzen möchte, um die Möglichkeit aufrechtzuerhalten, im nächsten Sommer nach Tokio reisen zu dürfen.

Wie es um den Stellenwert des Frauen-Handballs in Deutschland bestellt ist, zeigt die Vergabe der Übertragungsrechte im größten nationalen Handballverband der Welt. Die deutschen Partien werden alle live im Internet gestreamt, bei sportdeutschland.tv. Das sorgt zumindest für etwas Aufmerksamkeit, aber die Tatsache, dass sich nicht einmal ein Spartensender wie Sport1 für die deutschen Partien interessierte, sorgte beim Verband für Ernüchterung. Und für Gewissheit, dass sich im kommenden Juli die letzte Chance für die kommenden Jahre bieten wird, das Frauenteam auf die große Bühne zu bringen.

Zweimal Olympia verpasst

„Wir hoffen, dass die Aussicht auf Olympischen Spiele für eine Bonus-Motivation sorgt“, sagt Axel Kromer, der Sportvorstand des Deutschen Handballbundes (DHB). Sollte sich das deutsche Team für die Spiele im nächsten Jahr in Tokio qualifizieren, wären Übertragungen in den öffentlich-rechtlichen Sender garantiert, der Frauen-Handball könnte sich einer breiten Masse präsentieren. Letztmals gab es diese Möglichkeit im Jahr 2008 in Peking, danach verpasste der DHB mit den Frauen zwei Mal das Ziel Olympische Spiele. „Natürlich wäre das eine große Chance für uns“, erklärt Kromer die Sehnsüchte der Funktionäre. Immerhin können sich Kromer und seine Kollegen in der DHB-Spitze allemal darauf verlassen, dass die Spielerinnen in Kumamoto alles versuchen werden, denn die Teilnahme an den Olympischen Spielen ist nicht nur für Co-Kapitänin Julia Behnke „ein Traum“.

An ein drittes Scheitern hintereinander wollen die Verantwortlichen im Verband deshalb noch nicht denken, weshalb das teaminterne und das von außen vorgegebene Ziel für die WM im Süden Japans identisch sind. Der siebte Platz ist die Vorgabe, denn er bedeutet die verbindliche Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier im kommenden Frühjahr.

Der Weg dorthin wird für Groener und sein junges Team beschwerlich, denn die Deutschen haben zweifellos die schwerste von vier Vorrundengruppen erwischt. Nach dem Auftakt gegen Südamerikameister Brasilien und dem Duell gegen Außenseiter Australien geht es gegen Weltmeister Frankreich, Dänemark und Asien-Champion Südkorea. Nur die besten drei Mannschaften qualifizieren sich für die Hauptrunde und wahren die Chance auf die Olympischen Spiele.

Wir haben sicher die schwerste Gruppe mit starken Gegnern erwischt, aber die Teams in der Vorrunde werden sich auch vor uns fürchten.

Bundestrainer Henk Groener

„Wir haben sicher die schwerste Gruppe mit starken Gegnern erwischt, aber die Teams in der Vorrunde werden sich auch vor uns fürchten“, sagt der Niederländer Groener, der mit dem Team seiner Heimat 2015 Vize-Weltmeister wurde und seit knapp 20 Monaten versucht, Deutschland an die Weltspitze heranzuführen. „Die Entwicklung geht vorwärts“, erklärt der Handball-Lehrende, dessen Arbeit langfristig ausgerichtet ist, parallel dazu aber trotzdem kurzfristig Erfolge bringen soll.

Ausgeglichenheit als Vorteil

Mit Ausnahme von Xenia Smits, die wegen einer Schulter-Operation ausfällt, stehen Groener die besten Spielerinnen zur Verfügung. Weil mit Smits (Metz Handball) und Behnke (Rostow am Don) zur zwei Deutsche bei internationalen Topklubs spielen und die Bundesliga nicht zur internationalen Spitze zählt, baut Groener darauf, mit einem starken Kollektiv punkten zu können. „Unser Plus ist die Ausgeglichenheit, wir werden alle 16 Spielerinnen brauchen“, sagt der Niederländer.

Dennoch baut er auf Torhüterin Dinah Eckerle, Behnke am Kreis sowie die Rückraumachse Kim Naidzinavicius, Alicia Stolle und Emily Bölk. „Wir werden eine Stamm-Mannschaft haben, aber bei so vielen Spielen in kurzer Zeit viel wechseln müssen“, erklärt der Bundestrainer. Und es sollen schließlich möglichst viele Partien werden. Um mindestens Siebter zu werden, müssten die Deutschen neun Partien in 14 Tagen absolvieren – es wird anstrengend, die Hoffnung auf Tokio 2020 aufrechtzuerhalten.