Julius Kühn traf viermal gegen Weißrussland.
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WienEs waren elf Minuten gespielt, und schon bahnten sich Scherze über die deutschen Handballer ihren Weg auf den Tribünen der Wiener Stadthalle. „Die waren gar nicht weg aus Wien“, wurde gewitzelt, in Trondheim seien nur Doppelgänger gewesen. Die beschwerliche schwache Vorrunde bei der Europameisterschaft, das ist sicher, wurde allerdings von den gleichen Akteuren absolviert, die gestern beeindruckend gut in die Hauptrunde starteten. 8:3 hieß es nach elf Minuten aus deutscher Sicht, 18:11 zur Pause -am Ende waren die Schützlinge von Christian Prokop mit einem 31:23 gegen Weißrussland in die zweite Turnierphase gestartet und hatten die bislang beste Leistung während der EM gezeigt.

Drei Tage vor dem Auftaktspiel der EM hatten die Deutschen ihren finalen Test in Wien gegen Österreich absolviert, Co-Gastgeber Österreich 32:28 geschlagen und überzeugt. Anschließend flogen sie für die Vorrundenduelle nach Trondheim, gewannen dort gegen die Niederlande und Lettland, verloren gegen Spanien – und warfen dennoch in allen Partien Fragen nach der Leistungsfähigkeit auf. „So haben wir keine Chance auf das Halbfinale“, hatte Bundestrainer Prokop vor der Abreise aus Trondheim eingeräumt, gleichzeitig aber auch sein Vertrauen in seine Mannschaft erklärt.

Aktiv und aggressiv

Gestern bekräftigten seine Spieler die Aussage ihres Chefs, denn sie zeigten ein Gesicht, das in Trondheim nicht zu sehen gewesen war. Vor allem in der Defensive waren die Deutschen viel aktiver, aggressiver und legten damit den Grundstein zum Sieg über die Osteuropäer. Die stellen zwar kein Spitzenniveau dar, aber nach den Vorstellungen in Trondheim schienen sie der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) gefährlich werden zu können.

Im Grunde hatte die EM für die Deutschen nach 40 Sekunden neu gewonnen. Das lag nicht in erster Linie an den vielen Fans, die in Trondheim gefehlt und gestern die Tribünen der Stadthalle in Wien säumten. Den ersten Wurf von Uladzislau Kulesh wehrte Andreas Wolff ab. Zuletzt hatte die deutsche Nummer 1 bei diesem Turnier hintereinander passieren lassen. Die erste Parade in diesem Match war wie ein Signal an das gesamte Team, das wie befreit wirkte und die Weißrussen in allen Belangen beherrschte. Viele Impulse kamen dabei von Timo Kastening. Der Rechtsaußen von der TSV Hannover-Burgdorf stand wie schon gegen Lettland in der Startformation und belebte das Spiel mit Tempo, Handlungsschnelligkeit und Abschlussstärke. Kastening traf bis zur Pause vier Mal, war am Ende mit sechs Treffern bester deutscher Torschütze und brachte vor allem mit seiner Spielweise Emotionen ins eigene Team und die etwa 4 000 deutschen Schlachtenbummler in Wallung.

Pflichtaufgabe Kroatien

Ein Teil der guten deutschen Mannschaft war Johannes Golla, der gestern Vormittag in den Kader gerutscht war. Für den Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt wurde Marian Michalczik (GWD Minden) gestrichen. Die Maßnahme bezahlte sich schnell, denn nachdem Abwehrchef Hendrik Pekeler zwei Zeitstrafen kassiert hatte, bildete Golla gemeinsam mit Patrick Wiencek den Innenblock. Golla spielte stark und half mit, dass die Deutschen den Vorsprung bis zur 45. Minute verwalteten. Nach dem 25:18 (47.) gab es einen kurzen Bruch bis zum 25:20, doch aus ihm befreiten sich die Schützlinge von Christian Prokop schnell wieder.

Am Samstag geht es für die Deutschen mit dem nächsten Spiel weiter, dann geht es gegen Kroatien und bereits darum, sich für das Halbfinale in Stellung zu bringen. Nach der Niederlage in Trondheim gegen Spanien müssen die Deutschen gewinnen, um aus eigener Kraft die Finalrunde in Stockholm erreichen zu können.

Unmöglich ist das nach der Leistung gestern nicht. „Im Moment sind wir nicht stark genug, um die Kroaten zu schlagen“, hatte Prokop in Norwegen gesagt: „Aber das kann in ein, zwei Spielen schon anders sein.“ Der Bundestrainer könnte Recht behalten.