Als es schon forsch auf Mitternacht zuging im Kellergeschoss der Frankfurter Fußballarena nach dem 1:3 der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien, ist plötzlich heftig gedrängelt worden. Das lag daran, dass Lionel Messi aus der Umkleidekabine gekommen war.

Die Aufregung in der deutschen Defensive war zuvor ähnlich groß gewesen, nachdem der argentinische Weltstar nach einer halben Stunde des Herumstehens im Mittelkreis doch noch Lust verspürt hatte, sich zu bewegen. Und zwar bei Bedarf in einem derart hohen Tempo, das das DFB-Team an einem Abend der Pleiten, des Pech und der Pannen vor einem wunderbar einfühlsamen Frankfurter Publikum überforderte.

Es ist selten so viel unvorhersehbar schiefgegangen bei einem Länderspiel: Verteidiger Mats Hummels mit Brummschädel raus, Torwart Manuel Neuer verletzt, Ersatzmann Ron-Robert Zieler nach Notbremse vom Platz gestellt, ehe Mittelfeldmann Sami Khedira so ungelenk klären wollte, dass der Ball zum 0:1 im eigenen Netz landete. Natürlich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt direkt vor der Pause. Und dazu auch noch Messis plötzliche Spielsucht.

Vor dem 0:2 spielten sich die Argentinier 16-mal den Ball zu, ohne dass ein Deutscher in der Lage gewesen wäre zu stören, „und danach wusste man“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, „dass es schier unmöglich ist, so ein Spiel noch zu drehen“.

Unzureichende Defensivarbeit

Die meisten Menschen im Stadion hatten Messis Treffer mit der gebotenen Bewunderung zur Kenntnis genommen, anders als Oliver Kahn als zuletzt vielfach kritisierter Kritiker des übertragenden Zweiten Deutschen Fernsehens. „Die Argentinier hätten ein Tor nach dem anderen schießen können“, monierte der Titan im Studio − die deutsche Defensivarbeit empfand er als unzureichend. Löw ist sogar ähnlicher Meinung, er hatte schon vor dem Spiel angemerkt, in der Balleroberung gebe es im deutschen Fußball grundsätzlich Lehr- und Lernbedarf. Ein Crashkurs bei Jürgen Klopp könnte erste Abhilfe verschaffen, aber Löw traut sich natürlich auch zu, diese Arbeit am Defensivverhalten höchstpersönlich verrichten zu können. Im Gegensatz zum Master of Business Administration Kahn verfügt der Bundestrainer ja glücklicherweise über einen Fußballlehrerschein.

Weit weniger diskussionsbereit als beim Thema Balleroberung sind die verantwortlichen Männer im DFB bei einem anderen Lieblingsthema des Ex-Nationaltorwarts: Leidenschaft und Wille. Kahn vermisst „die letzten zehn Prozent“, er findet, genau diese Prozent „fehlen, um ganz an die Spitze zu kommen“. Er wünscht sich, dass die Nationalspieler im Angesicht einer Niederlage heftiger in Wallung geraten: „Ich kann doch als Spieler nicht immer zufrieden sein. Gegen die Italiener blutleer 1:2 verloren, heute gibt es wieder drei Stück. Da stellen sich die Jungs hin und sagen: ,Morgen geht's weiter'. Da muss ich mich doch auch mal ärgern.“

Hervorragender Gegner

Der Ärger brach dann aber an anderer Stelle aus: Ob das „jetzt das Niveau“ sei, „auf dem wir diskutieren wollen?“, fragte Manager Oliver Bierhoff vergrätzt, als ihm die Vorhaltungen des ehemaligen Spielkameraden zu Ohren gekommen waren, und fügte spitz hinzu: „Nach dem WM-Finale 2002 saß Oliver auch stumm am Pfosten.“ Auch Löw hatte wenig Lust auf Prozentrechnungen in Sachen Willensschulung: „Ich kann heute bestimmt keinem Spieler den Vorwurf machen, er hätte nicht alles gegeben.“

In der Tat konnte dieser Test nicht als beispielhaft für verzagte deutsche Fußballprofis gelten, wiewohl Löw zum wiederholten Mal mangelnde Chancenauswertung diagnostizierte. In Unterzahl geriet eine anfangs überzeugende DFB-Elf gegen einen hervorragenden Gegner zwar 0:3 in Rückstand, zeigte jedoch nie Wesenszüge, sich kampflos zu beugen. Mit den Einwechslungen von André Schürrle, Toni Kroos und Mario Götze befiel sie gar neue Abenteuerlust, Schürrle und Götze bereiteten das 1:3 durch Benedikt Höwedes in einer Art und Weise vor, die dem Niveau der besten argentinischen Angriffe in nichts nachstand. Marco Reus schoss nicht nur brachial gegen den linken Pfosten, sondern demonstrierte auch eindrucksvoll, dass es ein Fehler war, im EM-Halbfinale gegen Italien in der Startelf auf ihn zu verzichten. Das, in der Tat, ist ungleich ärgerlicher und folgenreicher als das 1:3 vom Mittwochabend.