London - 150.000 Menschen haben binnen vier Tagen das Wembleystadion besucht, und die Mehrzahl derjenigen, die sich das gleich zwei Mal antaten, brachte nach ein paar mehr als 180 Länderspielminuten ohne Torerfolg ihres Teams sehr vernehmbar ihr Missfallen zum Ausdruck. In England wird nicht schrill gepfiffen, es wird aus tiefen Kehlen gebuht. Das klingt dann ähnlich furchteinflößend, wie es sich wohl anhören muss, wenn sehr viele Werwölfe in einem sehr düsteren Wald heulen.

Man kann sich ausmalen, was in Deutschland los wäre, hätte das DFB-Team das Länderspieljahr daheim 0:2 und 0:1 gegen Chile und England abgeschlossen. Dazu mit einem Spiel, in dem der gegnerische Torwart, wie der Guardian spottete, mit einem Trikot vom Platz marschiert, das noch nicht einmal eine 30-Grad-Wäsche benötigen würde. Es ist nicht verboten, das vor allem als Stärke der deutschen Defensive gegen einen fleißigen, aber harmlosen Gegner zu interpretieren, wie es Torschütze Per Mertesacker tat.

„Das war eine schwierige Sache für mich, das war sicher kein typisches Torwartspiel“, befand der unterforderte Debütant Roman Weidenfeller, ehe er zum wartenden Privatjet entschwand. Eine weitere Nacht in einem Londoner Nobelhotel hatten weder Dortmunder noch Münchner Arbeitgeber ihren wichtigsten Angestellten vor dem Spitzenspiel am Sonnabend zumuten wollen. So kam es, dass es alle miteinander sehr eilig hatten nach dem Duschen und sich mehrheitlich durch Hintertüren davon machten.

Sorgen um Mats Hummels

Auch Mats Hummels wurde im halböffentlichen Teil des Kabinenganges nicht mehr gesichtet. Ebendort war jedoch am starren Blick des Dortmunder Geschäftsführers Hans-Joachim Watzke unschwer zu erkennen, dass die Verletzung des BVB-Verteidigers schwerwiegend sein muss, derentwegen er 20 Minuten nach seiner Einwechslung schon wieder humpelnd den Platz verließ.

Tags darauf bestätigten sich die Befürchtungen: Ein knöcherner Bandausriss am rechten Fersenbein zwingt den 24-Jährigen zu einer Pause bis ins neue Jahr hinein. Da auch Marcel Schmelzer in London wegen eines Faserrisses in der Wade ausgewechselt werden musste und Neven Subotic mit einem Kreuzbandriss sowieso ausfällt, herrscht in Dortmund ausgerechnet vorm Heimspiel des Jahres schwerwiegende Personalnot in der Abwehr.

Was die deutsche Nationalmannschaft angeht, deutet sich an, dass Per Mertesacker und Jérôme Boateng sich sowohl individuell als auch im Zusammenspiel anschicken, wenig Raum für Kritik zu lassen. Beide haben in diesem Jahr eine erstaunliche Entwicklung genommen. Joachim Löw attestierte Mertesacker, er habe sich seit seinem Wechsel vor zwei Jahren zum FC Arsenal „noch einmal entwickelt, was Koordination betrifft, Wendigkeit, Beweglichkeit und auch das Passspiel“.

Zudem ist auch im Training zu beobachten, wie der 96-fache Nationalspieler die Teamkollegen lautstark führt. Die Anweisungen des Langen sind Gesetz. Durch den Ausfall von Sami Khedira wird Mertesackers Präsenz und Sozialkompetenz noch mehr Bedeutung erhalten. „Er steht in der Defensive immer am richtigen Platz“, hat der Bundestrainer erfreut festgestellt. Der Torschütze verließ am Dienstagabend das Wembleystadion als Letzter, nicht ohne in der ihm eigenen Selbstironie auf das Zustandekommen seines Kopfballtors hingewiesen zu haben: „Da habe ich vorher einen Antritt hingelegt, mit dem keiner gerechnet hat.“