Charkow - Zwei Grünen-Abgeordnete wollen die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko im Krankenhaus in Charkow besuchen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, und der Europaabgeordnete Werner Schulz erhielten kurzfristig eine Besuchserlaubnis, wie der „Tagesspiegel“ und der RBB berichten. Laut der Zeitung sind die beiden Grünen die ersten deutschen Politiker, die die erkrankte Oppositionspolitikerin im Krankenhaus besuchen.

Grüne besuchen Timoschenko

„Mich hat das überrascht, weil das erst gestern entschieden worden ist“, sagte Harms im RBB-Programm. „Ich werde also heute Julia Timoschenko sehen und mich noch mal mit ihr verständigen können, wahrscheinlich auch mit ihrem Anwalt.“

Außerhalb des Gefängnisses will sie Präsident Viktor Janukowitsch symbolisch die Rote Karte zeigen. „Meine große Angst, jenseits der Sorge um Julia Timoschenko, ist, dass die Ukraine nach der EM wieder vergessen wird und Viktor Janukowitsch sein Land weiter in die Isolation führt.“

Schulz sagte dem „Tagesspiegel“: „Die Fußball-Europameisterschaft ist die richtige Zeit, um Viktor Janukowitsch unsere Kritik an seinem Umgang mit der Opposition deutlich zu machen und für all diejenigen einzutreten, die aus politischen Gründen verfolgt und inhaftiert werden.“ Nach ihrem Besuch bei Timoschenko wollen sich die Politiker in Charkow das Spiel Deutschland gegen die Niederlande ansehen.

Auch die Justizminister von Bund und Ländern befassen sich bei ihrer Frühjahrstagung in Wiesbaden mit dem Schicksal Timoschenkos. Die Justizminister haben ihre Tochter Jewgenia zu der Konferenz eingeladen.

Skeptischer Blick auf Charkow

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Alexander Jaroslawski eigentlich alles ein bisschen anders vorgestellt hat, wenn heute die Fußball-Welt auf sein Stadion blickt. Der „König von Charkow“, der Gäste aus Westeuropa gerne mit himmelblauer Tuchhose, aufgeknöpftem weißen Hemd und Goldkette empfängt, ist nicht nur Geschäftsmann und Milliardär, sondern auch Eigentümer des FC Metalist Charkow.

Das dazugehörige Stadion nahe der Metro-Station „Sportyvna“  hat der Mann aus Mariupol auch gleich bauen lassen und zur Eröffnung – sinnigerweise an seinem 50. Geburtstag am 5. Dezember 2009 – saß eine gewisse Julia Timoschenko neben ihm.

Nun ist der Fall der in Charkow in einem Krankenhaus untergebrachten Oppositionsführerin dafür verantwortlich, dass sich Jaroslawski heute auf der Ehrentribüne beim Spiel Niederlande gegen Deutschland einsam vorkommen muss. Genau wie die niederländische Königin Beatrix nicht anreist, machen deutsche Politiker in seltener Eintracht um den ostukrainischen Spielort einen Bogen.

Erst recht Bundeskanzlerin Angela Merkel, scharfe Kritikerin im Umgang mit Julia  Timoschenko. Auf politischer Ebene herrscht eine Eiszeit, die nicht mal der Fußball mit seinen verbindenden Kräften aufschmilzt.

Den neuen Terminal am Flughafen von Charkow, sinnigerweise von Jaroslawski errichtet und mit den Botschaften „Welcome FC Metalist“ versehen, fliegen nur die  EU-Parlamentarier Rebecca Harms und Werner Schulz von den Grünen an; sie wollen die Inhaftierte besuchen. Das Krankenhaus der staatlichen Eisenbahngesellschaft Ukrzalinsniska ist fußläufig von der gewaltigen Fanzone am Svobody Square zu erreichen; die  Fenster im neunten Stock sind mit Folie abgeklebt, Gitterstäbe an den Fenstern.

Aktivisten verteilen "Free Yulia"-Shirts

Auf der renovierten Etage lassen sich die Flügeltüren mit Milchglas nur durch Sicherheitscode öffnen. In Sowjet-Zeiten galt das Eisenbahner-Krankenhaus als führend, aber das ukrainische Gesundheitssystem ist mittlerweile so weit vom westlichen Standard entfernt wie von demokratischen Strukturen.

Es ist kein Zufall, dass die ehemalige Regierungschefin in der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt Charkow beherbergt ist. Die Gefahr ist viel geringer als in Kiew, dass Menschen massenhaft für die Freiheit der 51-Jährigen demonstrieren, die wegen angeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt ist. In Charkow haben Aktivisten vor dem Spiel Niederlande gegen Dänemark ziemlich ungehindert T-Shirts mit der Aufschrift „Free Yulia“ an Fußballfans verteilt, die über die belebte Puschkinstraße zum Stadion schlenderten.

Als am Montag allerdings in Kiew direkt vor der Fanzone derselbe Stoff verteilt wurde – auf der Rückseite stand noch „Footballfest in prison“ – umstellten Polizeikräften das Zeltlager der Timoschenko-Unterstützer. Und als 150 Personen vor dem Olympiastadion eine Kundgebung für die filigrane Frau  mit dem weltberühmten Haarkranz abhalten wollten, wurde die Gruppe sofort von  Berkut-Soldaten umzingelt. Die Ordnungsmächte der Ukraine sind in dieser Hinsicht tatendurstiger als bei allem anderen – und die UEFA-Funktionäre schauen zu.

In Charkow wird Julia Timoschenko am 25. Juni, an einem spielfreien Tag dieser EM, ein zweiter Prozess wegen angeblicher Steuerhinterziehung während ihrer Tätigkeit als Managerin ihres Erdgashandelskonzerns  gemacht – auch der ist politisch motiviert. Ihre Meinung steht unverrückbar: „Prestigeobjekte wie die EM 2012 dienen der Geldwäsche!“ Die Regierung um Ministerpräsident Viktor Janukowitsch will das Event der Euro ganz offenkundig missbrauchen, um den beschädigten Ruf des Landes zu reparieren.

Klitschko: "Sport hat eine riesige Kraft"

Der im Oppositionsbündnis tätige Boxweltmeister Witali Klitschko kritisiert:  „Der Sport hat eine riesige Kraft, die Welt zu verändern, aber leider tun unsere Politiker das Gegenteil davon.“ Eher gewinnt die ukrainische Nationalelf den EM-Titel, als dass diese ukrainische Regierung ein EU-Assoziierungsabkommen unterzeichnen darf.

Der Deutsche Fußball-Bund möchte sich in die diffizile Gemengelage nicht mehr einmischen. „Wir haben das Thema frühzeitig aufgegriffen. Ich glaube, wir waren diejenigen in ganz Europa, die am meisten die Stimme erhoben haben“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff vor der Abreise aus Danzig.

„Es ist jetzt an anderen, dieses Thema zu forcieren. Angela Merkel war ja bei uns im Quartier zu Besuch. Wir wissen, dass das Thema bei der Politik in guten Händen ist.“ Dass sich der DFB-Tross nun in Charkow auf den Fußball fokussieren will, ist verständlich.

Nur über Fußball reden

Trotzdem wird hier jedem  Besucher sofort eine Zerrissenheit deutlich: Verlassene Industriebaracken und brüchige Wohnblocks stehen mitunter  modernen Einkaufszentren und neuen Elektronikgeschäften direkt gegenüber. In der Metro, die mit ohrenbetäubendem Lärm Stationen wie „Moskovsky Prospekt“, „Proletarskaya“ oder „Traktorny Zavod“  abklappert, werden Touristen fast argwöhnisch beäugt. Hier ist das Volk nicht nur geografisch näher an Moskau als an Berlin. Dass der Leninplatz längst Freiheitsplatz heißt, ist eine kosmetische Korrektur.

Die meisten Bürger sprechen Russisch und bedienen sich altsowjetischer  Denkmuster. Wer Studenten oder Passanten befragt, kann mit ihnen über Fußball reden. Aber nicht über die Politik. Meist gibt es die verärgerte Replik, dass Julia Timoschenko einst als „Gasprinzessin“ doch nicht besser gewesen sei. Und ihre Illusionen hätten sich schon lange  verflüchtigt. Ende der Ansage. (mit dpa)