Deutschland ist Weltmeister: Der isolierte Künstler Mario Götze

Rio de Janeiro - Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme, Mario Götze. Die Reihe der Siegtorschützen der deutschen Weltmeisterteams 1954, 1974, 1990 und 2014 ist um einen Namen erweitert worden. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Während Rahn, Müller und Brehme anerkannte Größen in ihren Mannschaften waren, hatte Götze seinen Platz im Team während dieser WM verloren. Doch dann kam der erst seit ein paar Wochen 22-Jährige im Finale von Rio de Janeiro kurz vor Schluss der regulären Spielzeit für den fast auf den Tag genau 14 Jahre älteren Miroslav Klose.

Kälte und Klarheit

Und dann traf der Joker, wie nur ein Fußballspieler treffen kann, der über ein ausgeprägtes Ballgefühl verfügt und außerdem die Kälte und Klarheit besitzt, vor dem Tor exakt zu arbeiten. Die Vorlage von André Schürrle nahm Götze mit der Brust an, der Winkel war spitz, doch nicht zu spitz für den jungen Mann, den Joachim Löw später in der Pressekonferenz als „Wunderkind“ bezeichnen sollte. Sein Weltmeister-Treffer sieben Minuten vor Schluss war ein Werk größter Fußballkunst. Argentinien hatte keine Antwort mehr.

Mario Götze hat hinterher dennoch keinen ausgelassenen Eindruck gemacht. Klar hat er gejubelt nach seinem Tor und auch nach dem Spiel noch ein paar Mal, und er hat seine Freundin mit auf den Platz geholt wie fast alle anderen und war sichtlich gerührt. Aber er sah nicht so aus, wie ein unverbrauchter 22-Jähriger aussieht, der gerade das Tor seines Lebens geschossen hat. Es war immerhin ein Tor, das ihn unsterblich machen wird. Wie Rahn, Müller, Brehme.

Die Fifa bestimmt nach jedem Spiel den „Player oft the match“. Bastian Schweinsteiger oder Jérôme Boateng hätten diese Auszeichnung mit ihren reifen Endspiel-Leistungen am ehesten verdient gehabt, aber das schlichte Prozedere sieht derart analytische Belobigungen nicht vor, also gewinnt meistens der Torschütze. Der muss dann hinterher in die große Pressekonferenz kommen. Für Götze galt das bereits zum zweiten Mal, denn er hatte in der Vorrunde gegen Ghana mit Kopf und Knie schon das deutsche Führungstor erzielt.

Aber weil er dennoch nicht gut spielte bei dieser Weltmeisterschaft, sah sich Bundestrainer Löw gezwungen, den Hochbegabten zurückzusetzen. Im Halbfinale gegen Brasilien wurde er noch nicht einmal eingewechselt, sondern Julian Draxler. Löw wollte damit auch eine Botschaft an Götze senden. Aber gerne tat er das nicht, lieber hätte er einen unkomplizierten Stammspieler Götze, denn er weiß um dessen „immense Möglichkeiten“.

Der Mario sei so raffiniert, referierte Löw, dass er als Trainer immer guter Hoffnung sein könne, „dass er ein Tor schießt, wenn das Spiel auf der Kippe steht“. Aber er muss auch stets bangen, dass Götze an einem Tag der persönlichen Unlust nicht annähernd das aus sich herausholt, was ihm die Natur an fußballerischem Talent geschenkt hat. Auch Löw ist daran schon ein paar Mal beinahe verzweifelt.

Vor der Einwechslung, berichtete der Bundestrainer hinterher, habe er dem Joker nur gesagt, er könne „das Spiel entscheiden“. Die Auswechslung von Klose war überfällig. Der Mittelstürmer hatte sich gegen die kompakte argentinische Abwehr zwar tapfer aufgerieben, aber nie entscheidend durchsetzen können.

Als Götze seinen Job so vortrefflich erledigt hatte, sprach er von einem „Traum“ und einem „unglaublichen Gefühl“, aber sein Gesicht verriet das nicht. Dann sagte er, es sei „kein ganz einfaches Jahr“ für ihn gewesen und auch „kein einfaches Turnier". Er hatte mehr als jeder seiner Teamkollegen scharfe Kritiken über sich lesen müssen. Jetzt dankte er seiner Familie, der Freundin und „meinem Freund Volker Struth“. Struth ist nicht nur Freund von Götze, sondern auch sein Berater, der seinerzeit den 37-Millionen-Euro-Deal mit Bayern München eingefädelt hatte. Später in der Mixed Zone wurde Götze gefragt, warum er so blümerant gewirkt habe auf dem Podium. Er sagte nur, er wolle nicht darüber reden.

Wenn man Mario Götze im Kreis der Nationalmannschaft beobachtet, wirkt er mitunter isoliert. Was immer auch los sein mag, er befindet sich in seiner Karriere an einem Punkt, an dem Entwicklungen auch einen falschen Weg nehmen können. Vielleicht verlief seine Karriere in den ersten Jahren zu steil, vielleicht war das zu schwer zu verkraften. Gute Freunde sind da besonders wichtig. Noch wichtiger sogar als Tore für die Ewigkeit.