Deutschland - Italien: Italien wieder einmal zu stark

Warschau - „Die Zeit für einen Sieg gegen Italien ist reif, vielleicht sogar überreif“, hatte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach vor dem Halbfinale der Europameisterschaft  in aller Bescheidenheit ausgerufen. Wenn so ein Verbandschef, und sei er auch erst kurz im Amt, das mit seiner ganzen Autorität so sagt, ziemt es sich für deutsche Elite-Fußballspieler eigentlich, den Worten des ehrenamtlichen Vorgesetzten Taten folgen zu lassen.

Am Donnerstagabend aber misslang sowohl das Anliegen, Spanien ins EM-Finale am Sonntagabend in Kiew zu folgen als auch jenes, Italien endlich einmal in einem bedeutenden Turnierspiel zu bezwingen. Das  1:2 (0:2) war zudem auch Resultat eines personellen und taktischen Irrtums von Bundestrainer Joachim Löw, der es mit seiner Mannschaft so auch verpasste, sich für den Confederations Cup vom 15. bis 30. Juni kommenden Jahres in Brasilien zu qualifizieren.

Überraschende Aufstellung

Löw hatte sich mal wieder eine Überraschung ausgedacht: Toni Kroos, der  zuvor nur bei drei Einwechslungen auf insgesamt 27 EM-Einsatzminuten gekommen und entsprechend tief enttäuscht gewesen war, gehörte zur Startaufstellung, in der der später eingewechselte Thomas Müller bereits zum zweiten Mal in Folge fehlte.

Es wurde sehr bald deutlich, was sich der Bundestrainer dabei gedacht hatte, allerdings wurde noch viel deutlicher, dass er sich auch klassisch vercoacht hatte. Die Aufgabe von Kroos sollte es sein, den italienischen Spielgestalter Andrea Pirlo schon so früh und so unbarmherzig zu attackieren, dass der 33-Jährige seine Pässe aus der Tiefe des Raumes nicht würde spielen können.

Kollektive Fehler beim 0:1

Das änderte aber nichts daran, dass Pirlo in einem unbeobachteten Moment mit einem Pass aus der Tiefe des Raumes das 1:0 vorbereitete. Weil sich danach auch noch Mats Hummels im Zweikampf mit Antonio Cassano reichlich schusselig anstellte und Boateng seinem Teamkollegen nicht half, konnte Mario Balotelli Cassanos Flanke schon nach 20 Minuten recht problemlos zur italienischen Führung nutzen. Auch Holger Badstuber sah dabei an der Seite Balotellis nicht glücklich aus.

Durch die taktische Umstellung mit Kroos zentral gegen Pirlo geriet zudem das gesamte deutsche Angriffsspiel in Unwucht. Denn auf dem rechten Flügel fehlte nun ein Mann wie Müller oder Marco Reus, der Tempo aufnehmen und die italienische Abwehr über außen würde aufreißen können. Zwar stießen abwechselnd der ansonsten starke Sami Khedira und Mesut Özil in die Lücke, aber sie taten das nicht mit der dafür nötigen Höchstgeschwindigkeit.

Kroos selbst machte seine Sache gar nicht mal schlecht. Im Spiel gegen den Ball hatte es jedoch den Anschein, die Deutschen konzentrierten sich zu sehr auf Pirlo, weshalb vor allem der oft unbeachtet gebliebene Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo wunderbare Räume vorfand.

Einen dieser Räume nutzte der Mittelfeldspieler zu einem Pass aus Balotelli, der von einem schweren Stellungsfehler des deutschen Kapitäns Philipp Lahm profitierte. Der hatte offenbar  verschlafen, dass seine Nebenmänner eine Abseitsfalle aufgebaut hatten, zudem sprang der kleine Lahm dann noch knapp unter dem Anspiel durch, weshalb Balotelli mit einem krachenden Rechtsschuss zum 2:0 in den Winkel vollenden konnte (37.).

Spätestens jetzt war klar, dass Löws taktische Maßnahme, die sich entgegen seiner vorherigen Versprechungen („Wir wollen Italien unseren Rhythmus aufdrücken“) viel zu sehr an den Stärken des Gegners orientiert hatte, als schwerwiegender Fehler erwiesen hatte.

Wechsel zur Pause

Löw sah das natürlich von draußen selbst sehr gut und  reagierte zur Pause. Für die zuvor unsichtbaren Lukas Podolski und Mario kamen Marco Reus und Miroslav Klose, Kroos rückte nach links, der sofort auf Betriebstemperatur agierende Reus nahm sich des zuvor verwaisten Raumes rechts an. Sogleich wich die Verunsicherung, sogleich kam Speed ins deutsche Spiel.

Aber ihre wenigen Chancen, von denen auch in der ersten Hälfte ein paar gegeben hatte, nutzte die DFB-Elf auch jetzt nicht. Zudem demonstrierten die Italiener, dass sie trotz des Umbruchs, den ihr mutiger Trainer Cesare Prandelli herbeigeführt hat, schon eine überraschend homogene und widerstandsfähige Einheit geworden sind; mit einem Klassekeeper Gianluigi Buffon als letzter Instanz.

Italien bei Kontern gefährlich

Die Druckphase der deutschen Mannschaft verpuffte jedenfalls wieder, Italien setzte bei  Kontern Nadelstiche und war dem 3:0 zunächst näher als die zunehmend entnervten  Deutschen dem Anschlusstor, das in der Nachspielzeit durch einen Handelfmeter von Mesut Özil fiel. Zu spät! Bei den letzten vier Turnieren ist das DFB-Team nun jeweils zweimal an Spanien (EM 2008 und WM 2010) und zweimal an Italien (WM 2006 und 2012) gescheitert. Es gibt einiges aufzuarbeiten.   

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