São Paulo - Schon bevor Alejandro Sabella einen Ausblick aufs Finale am Sonntag gegen die deutsche Nationalmannschaft wagte, ist der Trainer der argentinischen Auswahl ziemlich martialisch geworden. Einen „Krieg, wenn man so will“, hatte der 59-Jährige beim knappen 4:2-Halbfinalsieg im Elfmeterschießen gegen die Niederlande erlebt.

Besonders verheißungsvoll wirkte diese Sichtweise nicht für das Endspiel im Maracanã. Vielleicht hatte sich Sabella aber auch nur deshalb in der Metaphorik vergriffen, weil er so geschafft war vom zähen Ringen, das außer 120 torlosen Minuten vor allem viel Kampf geboten hatte. Dennoch ist er danach für seine Verhältnisse geradezu euphorisch geworden. „Wir haben schon zwei Mal die WM gewonnen und erwarten den dritten Titel“, sagte Argentiniens Trainer.

Das klang deutlich selbstbewusster, als man das bisher von ihm gewohnt war bei diesem Turnier. Was womöglich am Minimalismus seiner Truppe gelegen hat, die jeweils höchstens ein Tor mehr als der Gegner im Spiel geschafft hatte bei der WM. 2:1 gegen Bosnien-Herzegowina, 1:0 gegen den Iran, 3:2 gegen Nigeria und jeweils 1:0 gegen die Schweiz und Belgien. Da war bisher noch kein echter Grund zur Überschwänglichkeit.

Meistens war da nur ein Geistesblitz von Messi. Also gerieten Alejandro Sabellas Aussagen nach dem Einzug ins Endspiel in Rio de Janeiro wesentlich offensiver als die Herangehensweise seiner Mannschaft in nahezu allen bisherigen sechs Auftritten in Brasilien. Die Argentinier hatten es sogar geschafft, das erste Elfmeterschießen dieser WM abzuliefern, dass trotz der brisanten Mann-gegen- Mann-Situation ebenfalls keine Spannung aufbauen konnte.

Offensichtlich wollen sie nun Unterhaltsamkeit nachliefern. Vor dem Finale scheint sie jedenfalls die Angriffslust gepackt zu haben, wenngleich wohl nur verbal. Deutlich zu vernehmen war das auch bei Javier Mascherano, der die forschen Töne zudem mit einer gewissen Selbstverständlichkeit garnierte. „Natürlich wollen wir jetzt gewinnen“, sagte der defensive Mittelfeldspieler.

Deutsche mit südamerikanischem Touch

Nach diesem müden Halbfinale gegen die Niederlande wirkten die selbstgewissen Aussagen beinahe etwas deplatziert. Andererseits haben sich die Argentinier in diesem Turnier bisher mit einem Stil präsentiert, der auch für die deutsche Mannschaft unangenehm werden könnte. Ein ähnlich rauschhafter Abend wie im ersten Halbfinale am Dienstag gegen den WM-Gastgeber Brasilien ist gegen Sabellas Defensivstrategen jedenfalls kaum zu erwarten. Zugleich birgt diese Mannschaft stets die Gefahr, mit einem lichten Moment zum Erfolg zu kommen. Lionel Messi ist dafür zuständig, und Sabella hat sein ganzes Wirken darauf ausgerichtet.

Wie nervende Pragmatiker traten seiner Spieler bisher auf, ehe sie mit wenigen Offensivaktionen zum Erfolg kamen, sehr oft vor allem durch Messi. Ein bisschen vom Wesen des Trainers scheint auf das Team übergegangen zu sein. Argentinien verdankt es Sabella, dass Messi sich nicht vor drei Jahren aus dem Nationalteam zurückgezogen hat, als er zum Sündenbock des kolossalen Scheiterns bei der Copa America gemacht wurde. Die Fans nannten ihn nur „El Catalan“, da sein Herz mehr seinem Klub aus Katalonien als seinem Land gehöre. Sabella richtete sein System auf ihn aus und vertraute ihm die Kapitänsbinde an, um ihn gewogen zu stimmen.

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Als anstrengender Pragmatiker wird Sabella auch von einigen Landsleuten empfunden. Zugleich gilt er nicht nur als penibler Taktiker, sondern auch als clever. Mehr als Respekt hat ihm das bisher noch nicht eingebracht. Mit einem Sieg gegen Deutschland möchte Argentiniens Nationaltrainer das nun ändern. Dass er dabei weniger das eigene Spiel, sondern vielmehr das des Gegners maßgeblich ins Kalkül zieht, ließ sich auch an den Einschätzungen ableiten: Er sprach fast mehr von Joachim Löws Ensemble als vom eigenen. „Deutschland hat in seiner ganzen Geschichte physische Stärke, taktisches und mentales Können gezeigt. Und sie hatten immer Spieler mit einem gewissen südamerikanischen Touch“, befand er.

Darauf will Sabella seine Elf nun ausrichten. „Extrem schwierig“ werde dieses Spiel, sagte er noch, auch weil seine Mannschaft in Achtel- und Halbfinale über 120 Minuten gehen musste, die deutsche es aber zuletzt gegen Brasilien in der zweiten Hälfte lässig habe angehen lassen können. Zudem habe Deutschland einen Tag mehr zur Erholung gehabt. Dass Sabella ankündigte, sein Team werde trotz aller vermeintlicher Nachteile alles tun, um bis ganz nach oben zu kommen, klang beinahe schon wieder nach einem Kampf. Den sollen seine Argentinier nun der deutschen Mannschaft bieten. Ganz so angenehm dürfte das wohl nicht werden.