Der Angeklagte (M.) steht beim Beginn des Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Dopinggesetz mit seinen Anwälten Juri Goldstein (l.) und Alexander Dann (r.) zusammen.
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BerlinDer mutmaßliche Doping-Doktor Mark S. fläzte mit meist verschränkten Armen auf der vordersten Anklagebank und hörte der detaillierten Anklageverlesung zu. Jahrelanges Blutdoping, eine aufwendige Logistik, Sportler als lebende Blutpakete, Betrug bei großen Sportevents wie Olympia, Weltmeisterschaften und der Tour de France: Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind umfangreich. Selbst äußern wollte sich der 42-Jährige am ersten Verhandlungstag nicht.

In einem der größten Dopingverfahren hierzulande hat am Mittwoch vor dem Landgericht München II der Prozess gegen den Erfurter Arzt und vier mutmaßliche Helfer begonnen. Im großen Saal A 101 des Strafjustizzentrums soll ein Stück deutsche Sportgeschichte geschrieben werden. Das hoffen zumindest die Ermittler und Antidoping-Kämpfer. Mit einem harten Urteil gegen Mark S. sollten Betrüger gewarnt und das seit 2015 bestehende Antidoping-Gesetz gestärkt werden.

Dem Arzt als Kopf der Doping-Gruppe drohen laut einer Einschätzung des Gerichts vier bis sechs Jahre Haft – wenn er umfänglich gesteht. Dirk Q., der wie Mark S. seit eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft sitzt, könnte ebenso eine Gefängnisstrafe ereilen. Die anderen Angeklagten Diana S., Ansgard S. und Sven M. haben womöglich Aussicht auf Bewährungsstrafen.

Mark S. wollte sich zum Prozessauftakt nicht selbst zu den Vorwürfen äußern. Seine Anwälte aber kündigten an, dass Einlassungen im Laufe der folgenden 25 Verhandlungstage geplant seien.

Mit Blutbeuteln durch ganz Europa

Die Anwälte von Dirk Q. verlangten am Mittwoch die Einstellung des Prozesses, weil mehrere Grundsätze eines fairen Verfahrens gegen ihren Mandanten verletzt worden seien. Oberstaatsanwaltschaft Kai Gräber hatte vorgetragen, wie das Quintett gewerbsmäßig und zum Teil bandenmäßig Sportler gedopt haben soll. Fast 150 Fälle listeten die Strafverfolger auf. Betroffen waren Events wie die Olympischen Winterspiele 2014 und 2018, die Tour de France 2018, der Giro d’Italia 2018 und die Nordische Ski-WM – ganz große Sportstars aber sollen nicht in den Zirkel involviert sein.

Immer wieder trafen sich Sportler wie der in Österreich bereits verurteilte Langläufer Johannes Dürr – der mit einem ARD-Interview die Ermittlungen erst angestoßen hatte – und die Angeklagten in Hotels, auf Rasthöfen, in Schnellimbissen und in eigens angemieteten Wohnungen, um Blut abzunehmen oder wieder zurückzuführen. Blutbeutel wurden dazu von Mark S. oder den Helfern durch ganz Europa gefahren.

Insgesamt identifizierten die Ermittler 23 involvierte Sportler, in Deutschland und Österreich wurde gegen 50 Personen ermittelt. Besonders Winter- und Radsportler zählten zum Kundenkreis des Erfurter Arztes.