Ein anderer Abschied als gedacht: Georg Grozer in der Max-Schmeling-Halle nach der Niederlage gegen Frankreich.
Foto: Jürgen Engler

BerlinDie deutschen Volleyballer hatten am Freitagabend ihr Motto vor dem Finale gegen Frankreich auf einem Tisch in der Umkleidekabine der Berliner Max-Schmeling-Halle ausgelegt; Lettern aus Schokoriegeln: Live your dream, stand dort in eckigen Großbuchstaben. Daneben hatten sie hinter das Olympia-Emblem von London einen Haken gelegt, hinter das Olympia-Emblem von Rio de Janeiro ein X aus Schokolade, hinter das Emblem von Tokio 2020 ebenfalls einen Haken.  Auf die Frage, wie groß der Wille sei, sich für Olympia in Japan zu qualifizieren, hatte Bundestrainer Andrea Giani im Lauf der Turnierwoche geantwortet: „Es gibt keinen Platz und keinen Behälter, der diesen Willen fassen könnte.“ Und Mannschaftskapitän Lukas Kampa sagte: „Es ist schwer greifbar, schwer einzufangen, was dieser Wunsch bedeutet. Für mich bedeutet es nicht, dass man verkrampft da hinwill. Es ist mehr die Freude darauf.“ 

Grozer und sein Team reagieren geschockt

Der Wille, sich nach den verpassten Spielen 2016 den Olympiatraum zu erfüllen, war allen im deutschen Team anzusehen, aber niemandem so unmittelbar wie Georg Grozer. Deutschlands Volleyballheld, mal Angriffsmonster, mal Aufschlagmaschine, hatte sich so sehr gewünscht, seine internationale Karriere in Tokio zu beenden, nicht in Berlin. Nach der glatten 0:3 (20:25, 20:25, 23:25)-Niederlage hat sich dieser Wunsch am Freitagabend kurz nach halb zehn nicht erfüllt. Wie schon vor vier Jahren finden die Olympischen Spiele ohne deutsche Volleyball-Männer statt.

Auch die Frauen werden nicht an den Spielen von Tokio teilnehmen. Das junge Team hatte lange Zeit  im letzten Qualifikationsturnier beeindruckt, war aber im Finale gegen die Türkei ohne Chance. In Apeldoorn/Niederlande unterlag die Auswahl von Bundestrainer Felix Koslowski 0:3 (17:25, 19:25, 22:25). „Es ist echt schwer damit umzugehen, weil die Mannschaft ein überragendes Turnier gespielt hat“, sagte Koslowski, der schnell zu seiner hochschwangeren Frau zurück nach Deutschland wollte. „Natürlich tut das weh.“

Hanna Orthmann schlägt in Apeldoorn für das deutsche Team auf. Am Ende reicht es gegen die Türkei jedoch nicht.
Foto: Getty Images/Dean Mouhtaropoulos

Und zuvor bei den Männern? Gleich in den ersten Sekunden der Partie, als Grozer gerade zu seinem ersten Schmetterschlag am Netz hochgesprungen und ausgeholt hatte, prallte er bei der Landung mit Frankreichs Mittelblocker Nicolas Le Goff zusammen. Grozer blieb auf dem Rücken liegen. Geschockt starrten Teamkollegen, Trainer und Zuschauer auf den Boden. Nein, bitte nicht, schienen alle zu denken. Auf der Videowand wurde Grozers Tochter eingeblendet, ein Mädchen mit erschrockenem Gesicht, das sich die Nummer neun auf die Wangen gemalt hatte. Als Grozer wieder aufstand, fasst er sich ans Knie des rechten Beins. Weiter unten war ja bereits die Wade bandagiert. Aber diesen Mann vom Feld nehmen? Keinesfalls, signalisierte Grozer. Keinesfalls entschied Giani.

Lange Zeit lagen Deutschland und Frankreich im ersten Satz gleichauf. Grozer massierte sein Knie, am Anfang humpelte er noch. Aber dann schien das Adrenalin den Schmerz wegzudrücken. Seine Gesten, seine Schreie bei jeden Punkt für seine Mannschaft erinnerten an dem Kampf eines verwundeten Löwen. Aber nach der Mitte des Satzes, nach dem 16:16 zogen die Franzosen davon, weil sie ihre Punkte geduldiger zu Ende spielten, weil ihre Aufschläge gefährlicher waren, weil sie kontinuierlicher blieben.

Der zweite Satz war eine Kopie des ersten. Frankreich brachte das deutsche Team in der Abwehr immer wieder in Bedrängnis. Bei Gianis Männern schienen Zweifel aufzukommen. Ihnen fehlte zeitweise das, was sie tags zuvor als Motto vor dem Halbfinale gegen Bulgarien auf dem Tisch in der Kabine kreiert hatten: Ebenfalls aus Schokoriegeln hatten sie das Wort Cojones ausgelegt, dazu zur Verdeutlichung: zwei Überraschungseier. Nach dem 0:2-Rückstand heizte der Hallensprecher in der Satzpause die Stimmung noch einmal an.

Bitter auch für den Volleyball-Verband

Die 6.577 Zuschauer nahmen die Vorlage an. Die Mannschaft sog die Stimmung auf. Sie erarbeitete sich einen Vorsprung, verlor ihn wieder. Die Aufschläge kamen nicht so zuverlässig, so durchschlagskräftig wie tags zuvor. Beim Stand von 23:23 flog der Service von Anton Brehme ins Aus. Der nächste Aufschlag von Earvin Ngapeth spritzte Christian Fromm zur Seite weg. Das war’s.  

Die Mannschaft, deren Stamm aus den Spielern bestand, die schon vor vier Jahren Olympia verpasst hatten, muss nun ein Kreuz statt einen Haken hinter die Sommerspiele in Tokio setzen. Für den Verband ist das nicht nur PR-mäßig, sondern auch finanziell bitter. Denn die öffentlichen Zuwendungen eines Verbandes hängen ja immer unmittelbar mit dem Erfolg oder Misserfolg in einem olympischen Zyklus zusammen.

"Wir haben es irgendwie versucht, aber wir haben zu viele Fehler gemacht“, sagte Kapitän Kampa. Georg Grozer stand auf dem Feld, die Hände in die Hüften gestützt. Er winkte seiner kleinen Tochter zu. Auf der anderen Seite feierten die Franzosen. „Danke, dass er so viele Bälle versenkt hat. Es war mir eine Ehre und Freude, ihn so lange begleiten zu dürfen“, sagte Kampa über seinen Teamkollegen. Grozer selbst wollte gar nichs mehr sagen an diesem Abend. So unfassbar wie der Wille, es zu Olympia zu schaffen, war auf deutscher Seite nun die Enttäuschung.