Frankfurt - Fritz Keller ließ wie gewohnt seinen Charme spielen. Der DFB-Präsident lächelte, er begrüßte Uefa-Vize Karl-Erik Nilsson weltmännisch auf Englisch und redete engagiert über das Ehrenamt. Alles schien in bester Ordnung – doch 37 (!) Teilnehmer bei einem Videocall zu einer Studie über die soziale und ökonomische Wertschöpfung des Amateurfußballs machten deutlich: Es ist etwas im Busch. In der Tat: Nachdem die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw vorerst geklärt ist, gerät nun Keller verstärkt unter Druck.

Der offiziell mächtigste Funktionär im deutschen Fußball war in einem Medienbericht als ziemlich machtlos entblößt worden. Keller soll laut „Bild“ mehrfach eine vorzeitige Vertragsauflösung mit Löw nach der EM 2021 ausgelotet haben. Einmal sogar in einem persönlichen Telefonat mit dem Bundestrainer (Vertrag bis 2022), der den Vorstoß brüsk abgelehnt haben soll.

Beim Gipfel am vergangenen Montag, auf dem sich der DFB nach eigener Darstellung „einvernehmlich“ pro Löw entschieden hat, soll Keller nochmals im Präsidialausschuss und später bei der Präsidiumssitzung in der Angelegenheit vorgefühlt haben. Es fehlte ihm jeweils die Unterstützung. Dieser Umstand und die Tatsache, dass solche pikanten Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, schwächen Kellers Position weiter.

Zum Gegenangriff setzte der DFB-Boss am Mittwoch nicht an. „Wir reden heute nicht über die Nationalmannschaften, wir reden auch nicht über das 0:6 gegen Spanien“, sagte der 63-Jährige an die vielen Journalisten vor den Bildschirmen gerichtet.

Die neue DFB-Mediendirektorin Mirjam Berle deutete an, dass das Thema „an anderer Stelle“ öffentlich aufgearbeitet werde. Das wird schon am Freitag der Fall sein. Dann trifft sich das Präsidium. Nach der Sitzung, bei der ursprünglich über die Zukunft Löws entschieden werden sollte, wird es ein Pressegespräch mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff geben.

Bis dahin bleibt allerdings der Eindruck, dass der größte Fachverband der Welt von einem Präsidenten ohne größere Hausmacht regiert wird. Keller, der im September 2019 mit viel Vorschusslorbeeren, aber auch mit beschnittenen Kompetenzen sein Amt angetreten hatte, wirkt zunehmend desillusioniert.

Seit Monaten schwelt intern ein Machtkampf zwischen ihm und Generalsekretär Friedrich Curtius, der die seit Jahren anhaltende Führungskrise im DFB zuspitzt und dringend notwendige Reformen verzögert. Der DFB räumte selbst „interne Dissonanzen“ ein, was deutlich untertrieben sein dürfte. Die Gräben sind tief, der öffentlich zur Schau gestellte Schulterschluss im Anschluss an eine Präsidiumssitzung Ende Oktober scheint reine Symbolpolitik gewesen zu sein. Dass Keller aber offensichtlich für seinen Alternativ-Plan ab 2021 keine Unterstützung im DFB fand, wird ihm zusätzlich zu denken geben.