DFB-Elf: Ilkay Gündgan hat den größten Schritt auf und neben dem Platz gemacht

Die Debatten kamen zur Unzeit,  das steht außer Frage. Die Debatten aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft um die Erdogan-Affäre von Mesut Özil und Ilkay Gündogan und  um Grüppchenbildung zwischen „Kanaken“ und „Kartoffeln“ in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Insofern hat das Freundschaftsspiel gegen Peru am Sonntag (2:1) in  Sinsheim einen Beitrag des gelungenen Miteinanders geliefert: Als nämlich Gündogan zur Auswechslung ausgerufen wurde, klatschen die meisten der 25 494 Besucher Beifall. Und als die Nummer 21 dann langsam den Platz verließ, mischten sich – anders als in München – keine vereinzelten Unmutsäußerungen darunter. Der Kicker mit türkischen Wurzeln scheint auf allen Ebenen rehabilitiert zu sein.

„In der Mannschaft wurde es mir nie schwer gemacht – sowohl bei der WM als auch in der Folgezeit. Es gab jetzt gar keine Pfiffe mehr, das gibt mir ein gutes Empfinden und hilft letztlich auch der Mannschaft“, sagte der 27-Jährige. „Ich glaube, dass am Ende des Tages die Leistung auf dem Platz zählt. Die Zuschauer merken, man gibt alles für die Mannschaft und die Nation, und dann springt auch der Funke wieder über.“

Tränen in der Kabine

Aus einem  Problemfall, der Anfang Juni nach einem gellenden Pfeifkonzert bei jeder Ballberührung nach der WM-Generalprobe gegen Saudi-Arabien tränenüberströmt in der Kabine hockte, ist für die deutsche Elf wieder ein spielstarker und selbstbewusster Faktor geworden; und nicht, weil er auf einmal die Nationalhymne mitsang. „Es war ein komisches Gefühl mit dem Spiel in Leverkusen kurz vor der WM, ausgepfiffen zu werden, von mehreren hundert oder tausend Fans im eigenen Land. Das hat schon wehgetan“, sagte Gündogan nun. „Aber ich bin Fußballer und stehe in der Öffentlichkeit und muss damit umgehen.“ Der 29-malige Nationalspieler hat vieles reflektiert zuletzt.

Bundestrainer Joachim Löw hatte schon im Training annähernd „wieder den Ilkay gesehen“, den man aus der Vergangenheit kenne:  „Ilkay hat bei uns wieder einen großen Schritt nach vorne gemacht.“ In der Gesamtbetrachtung stand der Edeltechniker auf und neben dem Platz  eine Phase durch, die wohl noch schwieriger als manch lange Verletzungspause war.

Ballast auf den Schultern

Seine Vorstellung machte die Versöhnung mit dem Publikum komplett.  Denn: Was der Profi von Manchester City ohne Ballast auf den Schultern leisten kann, war vor allem in der ersten Halbzeit zu sehen: Der Tiefgang seiner Pässe, seine Rhythmuswechsel taten dem deutschen Spiel sichtlich gut. Er gab auf der Achter-Position derzeit die bessere Ergänzung zu Toni Kroos, weil er vor allem mehr Spielverständnis einbringt als Leon Goretzka.

Dass nicht alles rund lief gegen Peru, wusste Gündogan selbst. „In der Mannschaft haben wir noch eine leichte Verunsicherung – das ist normal und nur menschlich. Grundsätzlich hat es Spaß gemacht, den Ball laufen zu lassen.“ Die Nations-League-Partie in Gündogans Heimatstadt Gelsenkirchen gegen die Niederlande (19. November) bietet sich dafür förmlich wieder an.