DFB Halbfinale Hertha BSC gegen Dortmund Vorbericht

Berlin - Pal Dardai hatte es sich bequem gemacht. Der Trainer von Hertha BSC saß im Schatten der Tribüne des kleinen Stadions von Schladming in der Steiermark. Es war der 26. Juli 2015, ein Sonntag. Die Mannschaft hatte die letzte Übungsstunde im Trainingslager hinter sich und Dardai zog vor den mitgereisten Journalisten sein Fazit der Vorbereitung. Als er die Ziele für die kommende Saison formulierte, schauten die Reporter verblüfft. „40 Punkte in der Bundesliga“, sagte der Ungar „und Erreichen des DFB-Pokalfinales!“

War Letzteres ein Gag? Die Runde rätselte. Dardai klärte auf: „Ich wohne nicht weit vom Olympiastadion entfernt in Westend und spaziere jedes Jahr mit meiner Frau, meinen drei Söhnen und meinem Vater zum DFB-Pokalfinale. Wir haben dort schöne Plätze. Aber wir wollen endlich selbst einmal ins Finale kommen. Es wäre eine Riesensache für unsere Fans und die Stadt, dort dabei zu sein.“

Pal Dardai, der Mutige, hatte seine geheimen Träume öffentlich gemacht und so einen Weg bereitet, der am heutigen Mittwoch einen Höhepunkt bereithält. Die Mannschaft hat sich mit vier Siegen im laufenden Wettbewerb bis ins Halbfinale gekämpft und dabei lange verschüttet geglaubte Charaktereigenschaften gezeigt. Nun wartet in einem bis zum Rand gefüllten Olympiastadion Borussia Dortmund als starker Gegner.

Berlin bleibt vorerst Finalort

Seit 1985 ist das Olympiastadion der Schauplatz des Endspiels. Bis 2020 ist vorerst zwischen dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dem Senat vertraglich geregelt, das dies auch so bleibt.

Bei Hertha BSC aber, dem größten Fußballklub der Stadt, pflegte man lange ein ambivalentes Verhältnis zum Pokalwettbewerb. Zu häufig hatten unterschiedliche Hertha-Mannschaften in den K.-o.-Spielen versagt. Unterklassige Gegner wie Holstein Kiel, der Wuppertaler SV, TuS Koblenz oder Wormatia Worms stehen für heftige Pokal-Pleiten der Berliner.

Hertha und der deutsche Cup, das ist vor allem eine Geschichte voller Enttäuschungen und einigen wenigen Freudentagen, die aber meist lange zurückliegen. Seit 1985 war es nur den Amateuren von Hertha gelungen, sensationell bis ins Endspiel im Olympiastadion zu gelangen. Im eigenen Wohnzimmer aber unterlag das tapfere Team 1993 dem haushohen Favoriten Bayer Leverkusen mit 0:1.

Damals war Sven Meyer einer der Protagonisten. Der 45-Jährige sitzt in seinem Büro in der Mercedes-Benz-Arena nahe dem Ostbahnhof. Er nennt sich „Direktor Suiten Sales“. Meyer gehört zu denjenigen ehemaligen Hertha-Spielern, denen es im Pokal gelang, eine ganze Stadt zu elektrisieren. Als 22-Jähriger spielte er in einem Team den Libero, das unter dem Kosenamen „Hertha-Bubis“ in die deutsche Pokalgeschichte eingegangen ist. Meyer sagt: „Das ist alles 23 Jahre her, aber ich werde immer wieder auf unseren unglaublichen Siegeszug im Pokal angesprochen. Das war damals etwas ganz Verrücktes.“

Dass Pal Dardai nun viele Jahre später das Endspiel als Ziel ausgegeben hat, findet Meyer „gut und richtig.“ Er sagt: „Die Mannschaft hat diese Vorgabe, die sicher im ersten Moment sehr gewagt klang, verinnerlicht. Und sie glaubt an diesen Erfolg, der unglaublich wichtig wäre für den Verein und die Stadt Berlin.“

Hertha nur Zaungast

Nicht nur Herthas Verantwortliche haben sich jedes Jahr im Mai insgeheim gegrämt, wenn das große Fußballfest im eigenen Stadion gefeiert wurde – vornehmlich von Fans des FC Bayern München oder von Borussia Dortmund, zuletzt auch vom VfL Wolfsburg. Dem Hauptmieter Hertha blieb nur die Rolle als Zaungast. Auch die Vertreter des Berliner Senats, allen voran der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (Hertha-Mitglied mit der Nummer 50), bedauerten die Dauer-Absenz der Herthaner in den Endspielen, die längst riesige Events geworden sind. Sie polieren Berlins Image auf und gelten als Top-Formate im TV. Berlins Hoteliers und Gastronomen freuen sich zudem stets auf das Großereignis. Wenn die Anhänger der beiden Finalisten nach Berlin reisen, gaben jeder laut einer Studie rund 100 Euro pro Tag in der Stadt aus.

Im Moment sind die Erinnerungen an die letzten großen Pokalsiege von Hertha wieder wach. Die Sehnsucht nach den überraschenden Erfolgen der Hertha-Bubis spielt dabei eine wichtige Rolle. Meyer erzählt: „Wir waren damals junge Spieler, meist unerfahren, aber ehrgeizig. Das Motto „Elf Freunde müsst ihr sein“ traf auf unsere Truppe tatsächlich zu.“

Wenn Meyer über diese Etappe seiner Karriere spricht, bekommt er immer wieder Gänsehaut. Der Siegeszug der Jungs, die gerade ihr Abitur machten oder in der Ausbildung zu einem Lehrberuf standen, brachte Hertha und Berlin positive Schlagzeilen nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Fußballwelt ein. Eine große Tageszeitung aus Malaysia schrieb etwa von „einer Bande aus Mechanikern, Studenten und Schuljungs“. Immerhin hatten die Bubis Vereine wie den VfB Leipzig, Hannover 96, den 1. FC Nürnberg und im Halbfinale den Chemnitzer FC eliminiert. „Ihr seid Giganten!“ titelten die Zeitungen in Berlin.

Keine teuren Suiten im Stadion

Auch in den Neunzigerjahren besaß der DFB-Pokal bereits eine hohe Wertigkeit, aber Umfeld oder Vermarktung halten keinerlei Vergleich zu 2016 aus. Meyer: „Wir waren sympathische Jungs zum Anfassen. Jede Anfrage der Medien wurde erfüllt. Im Olympiastadion gab es eine einzige Ehrenloge, aber keine teuren Suiten. Und vor dem Osttor stand das Berliner Original Pepe Mager mit seinem kleinen Fanartikelwagen.“

Inzwischen werden die Spiele in unzähligen Live-Tickern im Internet minuziös begleitet und jede Aktion verbreitet. Ein spezieller Twitter-Service für Hertha-Fans gibt jede wichtige Information weiter und die Tickets für das Spiel gegen Dortmund waren im freien Verkauf nach zehn Minuten vergriffen. Der Pokalwettbewerb boomt und ist für die Vereine zu einer lukrativen Geldquelle geworden.

Von der ersten Runde bis zum Halbfinale wurden insgesamt 42,588 Millionen Euro an die beteiligten Klubs ausgeschüttet. Hertha hat schon über vier Millionen eingespielt, dem Pokalsieger winken rund 3,5 Millionen Euro. Das Endspiel wird in über 200 Ländern zu sehen sein. Für Trainer Pal Dardai, der den Traum vom Finale offensiv propagierte, wäre der Einzug ins Endspiel samt Cupsieg mehr wert, als ein Platz in der Champions League. Er weiß: „Davon würde man noch in 20 Jahren sprechen!“