Lionel Messi ist mit seinen 14 Toren schon weit weg, Cristian Ronaldo (13) ebenso, und auch Zlatan Ibrahimovic (11) galoppiert davon. Aber ansonsten steht Marco Reus mit bislang acht Pflichtspieltoren in dieser Saison exzellent da. Egal, ob im Verein oder im Nationalteam, der 23-Jährige funktioniert prächtig, trotz seines keineswegs unkomplizierten Vereinswechsels von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund. In Gladbach war Reus der herausragende Vorzeigespieler, der ein mediokres Team an guten Tagen in ein vorzügliches verwandeln konnte, in Dortmund ist er einer von vielen Topleuten und muss sich seinen Platz im Team beständig neu verdienen.

Das tut er bisher in imponierender Manier, und er schießt nicht nur Tore, sondern er schießt die wichtigen Tore.

"Seine Abschlussstärke ist einzigartig."

Jeweils das 1:0 für Dortmund gegen Bremen (2:1), Mönchengladbach (5:0) und Manchester City (1:1), für die Nationalmannschaft in Österreich (2:1) und zuletzt in Irland (6:1). Da jagte er eine gestolperte Vorlage von Marcel Schmelzer in der 32. Minute mit grimmiger Entschlossenheit unter die Latte. Fast noch wichtiger war sein 2:0 in der 40. Minute, das die Moral der Iren endgültig brach.

Es war ein typischer Reus-Spielzug, bei dem man schon in der Entstehung, als Jérôme Boateng ihn völlig frei auf der linken Seite fand, wusste, dass er fast zwangsläufig zum Tor führen wurde. Gute Ballannahme, perfektes Timing, platzierter Schuss ins lange Eck, Mission erfüllt. Nicht umsonst sagte gestern in Berlin auch Kapitän Philipp Lahm: „Seine Abschlussstärke ist einzigartig.“

Das Beispiel Reus zeigt, wie schnell sich manche Diskussion im Nationalteam erledigt. Vor gar nicht langer Zeit lautete die Frage nur, ob der Leverkusener André Schürrle den Neu-Londoner Lukas Podolski von der Position im linken offensiven Mittelfeld verdrängen wird. Jetzt kommen beide nicht an Marco Reus vorbei. Es sei denn, Bundestrainer Joachim Löw entscheidet sich, den Dortmunder als das einzusetzen, was die Spanier eine falsche Neun nennen, eine Spitze also, die immer wieder aus dem Mittelfeld nach vorn stößt. Dann aber wäre die Position von Miroslav Klose futsch.

In jedem Fall hat Marco Reus nach der WM für eine weitere Verknappung der offenen Plätze gesorgt, was nicht nur Schürrle und Podolski, sondern auch Toni Kroos und möglicherweise Thomas Müller trifft, der gegen Irland kaum zur Geltung kam.

Mit Reus hat sich das Spiel mehr nach links verlagert, viele Bälle die bei der WM 2010 und danach über Müller liefen, landen jetzt bei Reus, und irgendwie scheint der Bayern-Angreifer auch auf wundersame Weise seine Torgefährlichkeit an ihn verloren zu haben, so wie Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl einst seinen Schatten an den Teufel, der Marco Reus aber natürlich nicht ist.

Gut für den Teamgeist

Mit diesem scheint sich nun nach Mats Hummels ein zweiter Dortmunder einen Stammplatz im DFB-Team gesichert zu haben. Das dürfte Balsam für die gekränkten BVB-Seelen sein und sollte auch das Gemurre beim Meister ein wenig dämpfen, was nur gut für den Teamgeist sein kann. Derzeit ist Reus jedenfalls aus dem Team nicht wegzudenken, was er wohl ähnlich sieht. Er könne ja nur im Training und im Spiel seine Leistung bringen, sagte er gestern in Berlin gelassen, ob er spiele, „darüber mache ich mir null Gedanken, der Rest kommt von alleine.“ Und das ziemlich sicher.

Es ist ein rasanter Aufstieg, der im Grunde im Viertelfinale der EM gegen Griechenland begann, als Löw mit der Hereinnahme neuer Spieler den Gegner verwirren wollte, sich aber am Ende nur selbst austrickste, wie sich später zeigte. Der Einsatz von Reus in Danzig war ein Fehler, weil er die Teamstruktur durcheinanderbrachte, Begehrlichkeiten weckte und nach starker Leistung des Newcomers unnötige Diskussionen auslöste. Ein noch größerer Fehler war es, Reus im Halbfinale gegen Italien wieder draußen zu lassen.

Das würde Joachim Löw nie zugeben, aber seit dem fußballerischen Erdbeben von Warschau, das sogar heute noch deutliche Ausschläge auf den einschlägigen Seismographen der Branche auslöst, ist Reus eine feste Größe bei ihm.

Dem Bundestrainer obliegt nun die Aufgabe, seine Offensive um die beiden Gravitätszentren Mesut Özil und Marco Reus neu zu strukturieren, und zwar so, dass weder zu viele Empfindlichkeiten verletzt werden, noch die Defensive beeinträchtigt wird. „Wir hatten eine gute Organisation, haben unser gewohntes Pressing gespielt, und waren diszipliniert in der Defensive“, schwärmte Löw nach dem 6:1 gegen Irland. Nun muss dasselbe bloß noch gegen Kontrahenten funktionieren, die nicht, so wie die Iren am vergangenen Freitag, allenfalls europäische Drittklassigkeit repräsentieren.