Natürlich haben sie viele Elfmeter geübt in dieser Woche. Am Ende des letzten öffentlichen Trainingsspiels etwa sah man Sebastian Langkamp, Julian Schieber, Salomon Kalou und Sinan Kurt anlaufen und schießen und mal mehr, mal weniger deutlich scheitern. Die gute Nachricht: Alle anderen haben getroffen. Fast alle. Auf Höhe der Mittellinie saßen die bei Abschlussspielen immer wieder unerwünschten Alexander Baumjohann und Ronny. Traurig schaute der Brasilianer noch jedem Schuss hinterher. Vor ihm lag ein Ball. Geistesabwesend streichelte er ihn mit der Sohle. Wie gerne hätte er auch mal. Aber das ist eine andere Geschichte.

Elfmeterschießen gehört vor einem Pokalspiel ins Programm. Das ist kein spezifisches Anzeichen von Angst. Erwähnen kann man es trotzdem, weil die Suche nach etwas, das Mut macht, gerade nicht leicht ist bei Hertha BSC. Die Stimmung vor der Erstrundenpartie am Sonntag (18.30 Uhr) bei Jahn Regensburg – Tabellenerster der Dritten Liga – ist nicht die beste. Die letzten fußballerischen Eindrücke vom Ausscheiden gegen Brøndby IF, dazu die vielen Gegentore bei den Testspielen, das alles wirkt noch nach und hatte die bekannten Konsequenzen für die Teamhierarchie. Zurzeit kann niemand seriös vorhersagen, ob das vergangene Pokaljahr eine Ausnahme war von der Regel, wonach Hertha sich eher früh als spät aus dem Wettbewerb verabschiedet.

Die große Frage der kommenden Wochen lautet ja: Werden wir eine Mannschaft sehen, die kompakt und stabil in der Abwehr steht, sicher und schnell über das Zentrum nach vorne kombiniert und ein torgefährliches Flügelspiel betreibt wie in der Hinrunde der vergangenen Saison? 26:18 Tore, 32 Punkte, Tabellenplatz drei. Oder wird es eher wie in der Rückrunde sein, als Herthas Abwehr ein schlecht sortierter Verbund von Einzelkämpfern war, das Mittelfeld sich immer mehr Fehlpässe erlaubte und die Effektivität beim Torschuss bedenklich abnahm? 16:24 Tore, 18 Punkte, Relegationsplatz. Nicht mal Pal Dardai scheint sich sicher zu sein, welche dieser beiden Mannschaften er zurzeit trainiert. Er verspricht aber trotzdem: „Wir werden eine neue Hertha sehen.“

Erst mal egal, ob gut oder schlecht

Die sinkende Leistungskurve hat den Trainer vorsichtig gemacht. Welchen Fußball will er Hertha in seiner zweieinhalbten Saison spielen lassen? Was will er weiter entwickeln? Da lässt sich Dardai erst mal nicht festlegen. Er will Siege sehen, Punkte sammeln und Selbstvertrauen gewinnen, erst dann wird er über andere Dinge sprechen. „Ob du gut spielst oder schlecht, das zählt erst mal nicht.“

Dardai macht deshalb lieber einen Schritt zurück, in den sicheren Stand, um nicht übermütig in das Pokalspiel und aus dem Wettbewerb zu stolpern. Er spricht von den Dingen, die wieder klappen müssen. Und hier vor allem von den Abständen zwischen den Mannschaftsteilen, den von ihm so geschätzten halben Metern. Diese entscheiden ja darüber, ob ein anlaufender Spieler seinen Gegner in die Enge pressen kann, dadurch Fehler provoziert, Überzahlspiel und Kontermöglichkeiten schafft oder ob er sich überspielen lässt und damit Löcher ins System reißt. Es ärgert ihn immer noch, dass Hertha vor der Winterpause die – hinter dem FC Bayern – zweitbeste Abwehr der Liga hatte und danach nur einen geteilten achten Platz belegte.

Dardai ist ein Meister der öffentlichen Selbstkritik. Und so einem verzeiht man schnell. Auf der Kappe, auf die er sprichwörtlich alles nimmt, ob zu Recht oder auch nur, um die Mannschaft zu schützen, dürfte eigentlich kein Platz mehr sein. Aber das täuscht. Da geht noch mehr. „Kann sein, dass ich die Köpfe meiner Spieler verdreht habe,“ sagt Pal Dardai. Zu offensiv habe er gedacht, als die Defensive zu funktionieren schien. „Vielleicht wollte ich zu früh den nächsten Schritt machen.“ Schon gut. Schon verziehen.