Frankfurt - Michael Gabriel, 48, leitet die Koordinationsstelle Fan-Projekte (Kos) in Frankfurt, die 47 sozialpädagogische Einrichtungen an 42 Standorten berät.

Herr Gabriel, am Dienstag hat die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) in ihrem Jahresbericht von zunehmender Gewalt berichtet, just am selben Tag randalierten die Dresdner Fans in Dortmund. Dabei hatten Sie noch behauptet, der Stadionbesuch in Deutschland sei sicher.

Wenn 12 000 Fans aus Dresden mitten in der Woche nach Dortmund reisen, dann ist das gewiss nicht Alltag, sondern eine außergewöhnliches Ereignis. Vieles hat sich in der Dresdner Fanszene in den letzten Jahren zum Guten hin entwickelt. Die Gewalttäter sind zunehmend in der Minderheit.

Fürchten Sie nicht angesichts der aktuellen Vorfälle, mit solchen Feststellungen nicht ernst genommen zu werden?

Wenn wir relativieren, begleitet uns schnell der Vorwurf, zu verharmlosen. Alles, was wir an differenzierten Wahrnehmungen in die Debatte mit einbringen, geht natürlich unter.

Der Zis-Jahresbericht bezieht sich allerdings auf einen längeren Zeitraum.Es gibt nicht von der Hand zu weisende Probleme. Aber die Diskussionen, die nach Jahresberichten der Zis geführt werden, fokussieren sich zwangsläufig auf polizeiliche Sichtweisen. Dadurch bekommt das Bild eine Schieflage, die der Debatte nicht guttun.

Ursachen von Gewalt sind immer gesellschaftlich bedingt

Inwiefern?

Es fallen wichtige Aspekte unter den Tisch. Im Sommer war die Berichterstattung von der Sorge geprägt, die Zweite Liga mit ihren vielen so genannten Problemvereinen würde zu einer Chaosliga. Nun ist es dort ruhig zugegangen. Jetzt fragt keiner, ob das Zufall ist oder mit einer Entwicklung in der Fanszene zusammenhängt.

Was denken Sie?

In Deutschland haben sich zuletzt 55 teils verfeindete Ultragruppen zusammengeschlossen, um Vorschläge auszuarbeiten, wie man künftig bengalische Feuer kontrolliert und sicher in Stadien abbrennen kann. Ziel war unter anderem die gefährlichen Böller zu verhindern. Dazu traten die Fans mit DFL und Fans in Dialog. Diese übergreifende Kommunikation hat auch dazu geführt, dass es jetzt ruhiger ist.

Allerdings haben die Fußballverbände vor kurzem erst die Gespräche ausgesetzt.

Das ist für die Fanprojekte äußerst bedauerlich. Denn viele der kooperationsbereiten Ultras, die sich für die ersten fünf Spieltage auf einen Einsatzverzicht von Feuerwerkskörpern geeinigt hatten, haben nun das Gefühl, sie werden verschaukelt. Und die sowieso schon verhärteten Gruppen fühlen sich in ihrer kompromisslosen Haltung bestätigt.

Zeichnen die Zis-Zahlen ein viel zu düsteres Bild?

Verglichen mit anderen europäischen Ländern geht es in unseren Stadien sehr zivilisiert zu. Ursachen von Gewalt sind immer gesellschaftlich bedingt. Das kann man in Italien sehen, wo die Konflikte wesentlich brisanter sind und gewalttätiger ausgetragen werden. Auch in England gibt es in dieser Beziehung ein hohes Level. Über den Preis hat man dort die jungen Fans aus den Stadien heraushalten können. In Deutschland können Aggressionen noch symbolisch im Stadion ausgelebt werden. Das hat eine dämpfende Wirkung auf andere gesellschaftliche Konfliktlagen.