Kurz nach Abpfiff im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark – der FC Viktoria 1889 hatte soeben das Berliner Pokal-Finale mit 1:0 gegen Tennis Borussia gewonnen – begann bei wohl nicht wenigen das altbekannte Was-wäre-wenn-Spiel.

Was wäre das für ein atmosphärisches Finale gewesen, wenn es nicht um 10.30 Uhr morgens angepfiffen worden wäre, das zudem noch von einem großen Teil des TeBe-Anhangs aufgrund von Querelen mit Vorstand Jens Redlich boykottiert wurde.

Was wäre kurz vor Schluss noch möglich gewesen, wenn Viktorias Schlussmann Stephan Flauder nach einem Luftduell den Richtung Tor trudelnden Ball nicht mehr zu packen bekommen hätte. Was hätte das für ein Abschied für TeBes Karim Benyamina in dessem wohl letzten Spiel sein können, wenn er nur Zugriff darauf bekommen hätte und er nicht in der 61. Minute mit einer Auswechslung erlöst werden musste, wie es TeBe-Trainer Dennis Kutrieb später beschrieb.

Jagne vertändelt den Ball

Oder wenn dessen direkter Ersatz Bekai Jagne knapp zehn Minuten vor Schluss nicht den Ball leichtfertig vertändelt hätte, worauf kurze Zeit später das Tor des Tages durch Rafael Brand fällt.

Trainer Kutrieb will dieses Spiel nicht so recht mitspielen. Nur eine Frage beschäftigte ihn noch eine Weile. Was wäre wohl passiert, wenn kurz vor dem Führungstor drei seiner Akteure nicht das Spielen eingestellt hätten, weil sie davon ausgingen, dass Viktoria den Ball aufgrund einer Verletzungssituation ins Aus spielen würde. „Ein bisschen Wut ist dabei, auch in der Mannschaft“, sagt Kutrieb. „Und es ist der einzige Vorwurf, den ich den Jungs machen kann.“

Am Ende ändert all das natürlich nichts. Die Partie fand in Viktoria ihren verdienten Sieger. Der Regionalligist war, wie im Vorfeld erwartet, spielerisch die bessere Mannschaft und erarbeitete sich recht schnell die Feldüberlegenheit. TeBe hingegen beschränkte sich lange nur darauf tief stehen, um die Null zu halten und die Entscheidung über einen Standard oder den berühmten Lucky Punch herbeizuführen.

Umbruch im Kader

Mit zunehmender Spieldauer hätte man sogar an einen Erfolg dieser Strategie glauben können, allein weil Viktoria mit einer Vielzahl allerbesten Chancen wahlweise am eigenen Unvermögen oder an TeBe-Schlussmann Ertugrul Aktas scheiterte.

Doch mit Rafael Brands Erlösungs-Treffer endete das Duell des Rekordpokalsiegers TeBe gegen den ersten Pokalsieger Viktoria leistungsgerecht. Es ist Viktoria erster Pokalsieg seit fünf Jahren. In der aktuellen Situation ist er Balsam für die geschundene Seele. Nachdem der chinesische Investor des Klubs seine Zahlungen nicht leistete, musste Viktoria Insolvenz anmelden. Viele mit großen Ambitionen verpflichtete Spieler mit Erst- und Zweitliga-Erfahrung verließen den Verein im Winter. Es war der zweite Kader-Umbruch seit dem Sommer letzten Jahres.

Der Geldgeber steht bereit

Erst vor wenigen Wochen übernahm Alexander Arsovic den Trainerposten von Jörg Goslar. Mit Ende dieser Saison wird er ihn schon wieder los sein. Doch auch mit Hilfe seines Titelgewinns soll wieder Ruhe einkehren. Auch ein neuer Geldgeber steht wohl in den Startlöchern, sodass man in Lichterfelde nun auch zügig an die Kaderplanung für die nächste Saison gehen kann.

Was dann passiert, das möchte beim frisch gebackenen Pokalsieger noch niemand in aller Öffentlichkeit orakeln. Nur Viktorias Kapitän Stephan Flauder ließ sich am Ende noch zu einem Was-wäre-wenn hinreißen. Auf die Frage, auf wen er gerne in der ersten DFB-Pokalrunde treffen würde, antwortete er prompt Eintracht Frankfurt. Ohne wenn. Ohne aber.