In Deutschland entdeckte Javi Martínez eine neue Art der Stille. Zu Hause in Ayegui, dem nordspanischen Dorf am Fuße des Berges Montejurra mit seinen 2 000 Einwohnern, hatte er die Ruhe der Natur zur Genüge kennengelernt, aber dies war München, eine Millionenstadt, und doch, irgendetwas fehlte, fühlte Martínez, bis er merkte, was: „Du gehst auf der Straße und hörst niemanden herumschreien“, berichtete er seinen Landsleuten in der Zeitung El País. „Einmal war ich mit ein paar Freunden aus Spanien in der Stadt unterwegs, und mir war es ein bisschen peinlich. Ich merkte: Man hört nur uns!“

Fasziniert beobachtete Javi Martínez in den ersten Monaten beim FC Bayern die romantischen Seiten Münchens. Seinen Bekannten schickte er zwei Fotos der Stadt. Eines zeigt die Straßen des Lehel mit den prächtigen Häusern, golden beleuchtet zur Nacht, aber eben menschenverlassen, das andere den Eisbach im Englischen Garten, das Licht spiegelt sich im Wasser, verwunschen hängen die Pflanzen über das Ufer.

Von Problem zu Problem

Seine Berufserfahrungen fügten sich zunächst nahtlos in die Idylle ein: Mit dem FC Bayern gewann Martínez vergangene Saison alle drei wichtigen Wettbewerbe, und das Publikum, das große Erfolge im Fußball immer an einzelnen Faktoren festmachen will, erkannte im Zugang aus Bilbao das letzte Puzzleteil, das gefehlt hatte − der Mittelfeldspieler, der dem Team die Balance zwischen Angriff und Abwehr gab.

Dementsprechend irritiert registriert die deutsche Öffentlichkeit, dass Martínez dieses Jahr unter dem neuen Trainer Pep Guardiola keine feste Rolle mehr spielt. Wird er diesmal Martínez bringen, fragen sich wieder viele vor dem DFB-Pokalfinale an diesem Sonnabend gegen Borussia Dortmund. Dabei ist in der stillen Post auf der Basis von Halbwissen die Meinung entstanden, Guardiola habe etwas gegen seinen Landsmann. Selbst aus einem Bayern-Mitarbeiter brach es nach dem Champions-League-Aus gegen Real Madrid geradezu verzweifelt heraus: Auch in der Mannschaft frage sich mancher, wieso Martínez in so einem wichtigen Spiel auf der Ersatzbank sitze!

Die Wahrheit ist offenbar in der Übersetzung verloren gegangen: Javi Martínez spricht auch im zweiten Jahr nur sehr brüchig Deutsch, die deutschen Medien – und scheinbar auch etliche in der Mannschaft – erfahren deshalb nicht wirklich, was mit ihm los ist. Er begann die Saison mit Leistenschmerzen, musste im September sogar operiert werden, und wie so oft, wenn Fußballer sich mit Verletzungen durchkämpfen wollen, schleppen sie sich nur von Problem zu Problem. Vor dem Rückspiel gegen Madrid waren die Patellasehnen in beiden Knien so stark gereizt, dass Martínez nicht mehr sitzen konnte. Er konnte die Knie nicht lange angewinkelt halten. Deshalb vor allem hat ihn Guardiola so unregelmäßig eingesetzt: weil er Martínez’ Fitness oft nicht traute.

Froh, all das zu erleben

Die andere Seite ist, dass der Trainer in Martínez einen anderen Spieler sieht als das Publikum. Martínez sei zuvorderst kein Mittelfeldspieler, behauptet Guardiola. Mittelfeldspieler müssen bei ihm feinste Passgeber sein. Es lässt sich darüber diskutieren, ob Martínez’ Pässe für einen defensiven Mittelfeldmann wirklich nicht genügen. Aber wer sagt, Guardiola schätze Martínez nicht, lügt. Er hält ihn für Weltklasse – als Innenverteidiger.

Schon vor Jahren, als er noch den FC Barcelona trainierte, interessierte sich Guardiola für Martínez. Vergangenen Winter in München erzählte der Trainer privat, er hoffe auf einen erholten Martínez als Alternative für Jérôme Boateng in der Rückrunde. „Sobald Pep bei Bayern anfing, sagte er mir, er zähle auf mich als Innenverteidiger, gelegentlich auch im Mittelfeld, aber mein Posten sei Verteidiger“, sagt Martínez und anders als die Flüsterpropaganda, die ihn zornig über die Versetzung vermutet, kann er des Trainers Sicht teilen: „Ich sehe mich als Verteidiger. Die defensive Konzentration ist meine größte Stärke, und sie kommt vor allem in der Abwehr zum Tragen.“

Das Publikum sieht in ihm den Weltmeister, den Schlüsselspieler von Bayerns Alles-Gewinnern, der doch stets spielen muss. Javi Martínez jedoch sieht in sich weiterhin auch den Jungen aus Ayegui, der einfach froh ist, das alles zu erleben. Als er beim FC Bayern das erste Mal Franz Beckenbauer die Hand gab, hätte er gerne ein Foto gemacht, er mit Kaiser Franz, Wahnsinn. Aber er traute sich nicht.