Serge Gnabry feiert sein Tor zum 3:1 gegen Nordirland.
Matthias Koch

FrankfurtWas war da am Dienstagabend auf einem Banner in der Frankfurter Arena zu lesen? London is calling? Als Hinweis auf eine nahe Apokalypse, wie sie von der Punkband The Clash im Jahre 1979 auf einem gleichnamigen Album ja schon mal besungen wurde? Oder war das ein ganz persönlicher Gruß, den da ein Fußball-Fan via TV-Bild in die Welt sendete? Aber, nein doch, für all diejenigen, die es im Zusammenhang mit dieser wahnwitzigen paneuropäischen Europameisterschaft noch nicht mitbekommen haben sollten: Das Finale dieses Turniers findet am 12. Juli kommenden Jahres tatsächlich im Wembley-Stadion statt. Und das Banner, anders konnte das wohl nicht verstanden werden, war quasi die Aufforderung an das deutsche Team, es dahin zu schaffen.

Nun gut, das ist wahrlich kein Ding der Unmöglichkeit. Da ist jede Menge Talent, jede Menge Esprit, wie sich am Sonnabend beim 4:0 gegen Weißrussland und nun auch am Dienstagabend beim 6:1 (2:1) gegen Nordirland, also beim letzten Qualifikationsspiel   zu diesem in zwölf Städten gespielten Turnier gezeigt hat. Prunkstück dürfte jedenfalls das Mittelfeld sein, mit Toni Kroos, Joshua Kimmich und Ilkay Gündogan, die so viel Spaß am spielerischen Miteinander haben, dass es eher durchschnittlich begabten Gegenspielern mitunter ganz schwummrig wird. Auch auf der Torhüterposition hat Bundestrainer Joachim Löw zwei Könner zur Auswahl, wenngleich Manuel Neuer wohl noch einmal den Vorzug vor Marc-André ter Stegen erhalten wird. Da sind aber auch ein paar Probleme im Spiel der deutschen Auswahl auszumachen. In der Abwehr beispielsweise, wo zwar der eine oder andere gute Zweikämpfer zur Verfügung steht, aber kein Weltklassemann gleichermaßen gekonnt Zerstörungs- und Aufbauarbeit verrichtet. Zudem mangelt es in der Offensive an einem, den alle Gegner fürchten. An einem, der mit seiner individuellen Klasse Spiele im Alleingang entscheiden kann. Leroy Sané hat grundsätzlich diese Qualität, ist aber infolge seines im Sommer erlittenen Kreuzbandrisses wohl bis weit ins Frühjahr noch mit Aufbautraining beschäftigt.

Der Vortrag gegen die Nordiren war jedenfalls ein sehr schwungvoller, was auch an den Nordiren lag, die früh wie aus dem Nichts durch einen wuchtigen Drop-Kick von Michael Smith in Führung gingen, aber im Anschluss weiter Fußball spielen wollten. Das kam im Besonderen Kroos entgegen, der nur selten bedrängt wurde und aus dieser Freiheit das Beste machte. Beispielsweise immer wieder Serge Gnabry suchte. Und der schickt sich an, tatsächlich ein unverzichtbarer Faktor in der deutschen Nationalmannschaft zu werden. In der 19. Minute erzielte er nach Vorarbeit von Jonas Hector mit einem Drehschuss den Ausgleich, beim 2:1 durch Leon Goretzka (43.) zog er mit einem Spurt Richtung kurzer Pfosten zwei Iren auf sich, sodass sein Münchner Vereinskollege mit wildem Einsatz vollstrecken konnte. Und beim 3:1 unmittelbar nach der Pause hatte er einerseits viel zu viel Zeit, um Kontrolle über den Ball zu gewinnen, andererseits war das, was er in der schnellen Ballverarbeitung samt strammen Torschuss zeigte, schon bemerkenswert. In der 58. Minute verpasste er nach einer weiteren feinen Flanke von Hector per Kopf noch knapp das 4:1, erzielte dieses aber nur vier Minuten später, als er nach Zuspiel von Julian Brandt durch die nordirische Abwehr schunkelte und den Ball im rechten Moment an Keeper Bailey Peacock-Farrell vorbeibugsierte. Der 24-Jährige schickt sich jedenfalls an, internationale Klasse zu gewinnen.

Nationalelfdebüt für Stark

Neben Kroos und Gnabry war zweifellos Goretzka auffälligster Spieler aufseiten der deutschen Mannschaft. Er scheint unter Joachim Löw fast ein bisschen besser klarzukommen als im Klub, wenngleich man nicht unerwähnt lassen darf, dass der Mittelfeldspieler zuletzt mit allerlei Wehwehchen zu kämpfen hatte. Auch in der 73. Minute stellte Goretzka seine Fähigkeiten im Torabschluss unter Beweis, traf vom Strafraumrand zum 5:1.

Da früh alles klar war, konnte Löw noch ein paar Dinge und Spieler ausprobieren. So kam Niklas Stark, der Kapitän von Hertha BSC, endlich zu seinem ersten Länderspiel. Was bei der Auswechslung von Lukas Klostermann zur Folge hatte, dass Kimmich auf die rechte Verteidigerposition rutschte, Emre Can hingegen von der Innenverteidigerposition ins zentrale Mittelfeld. Die Wechsel hemmten nicht den Fluss im deutschen Spiel. Das 6:1 erzielte schließlich Julian Brandt. Ja, London is calling.