LeipzigDie plakative Rückendeckung war über eine ganze Kurve gespannt. „Wir für euch“ heißt der Slogan, mit dem angeblich der Fanclub Nationalmannschaft seine Unterstützung mitten in der Pandemie leistet. Wenn schon keine Anhänger bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft anwesend sein können, dann soll wenigstens diese Teilhabe sichtbar werden. Aber welche Botschaft vermittelte der 3:1 (2:1)-Sieg der DFB-Auswahl in der Nations League gegen die Ukraine aus der Leipziger Arena wirklich?

Die Frage stellt sich, ob dieses Pflichtspiel in diesem für die Uefa ach so wichtigen Wettbewerb überhaupt hätte stattfinden dürfen. Bis wenige Stunden vor dem Anpfiff stand die Austragung auf der Kippe, nachdem bei den Gästen gleich vier Spieler positiv auf Corona getestet wurden. Erst eine negative Testreihe nach Isolierung der Infizierten Personen ermöglichte den Anpfiff – aber ist damit auch alles gut in einer Zeit, in der der Normalbevölkerung massive Kontaktbeschränkung auferlegt wird?

Bundestrainer Joachim Löw fühlte sich bei dem Thema hinter sichtlich unwohl. „Grundsätzlich kann ich die Sorgen und Gedanken der Menschen nachvollziehen – absolut. Ich bin eigentlich der falsche Ansprechpartner. Ich habe nicht diese Entscheidungsgewalt, das macht das Gesundheitsamt, die Uefa“, sagte der 60-Jährige in der digitalen Pressekonferenz. „In der Bundesliga wird auch gespielt, in den anderen Ligen auch. Wir halten uns an die Vorgaben. Wenn Spiele angesetzt sind, können wir nicht im Hotel bleiben.“ Das ist fraglos richtig, zumal sein Arbeitgeber den zweistelligen Millionenbetrag aus jedem Länderspiel dringend braucht.

Kritik aus der Politik

Aber ist das Risiko noch vertretbar? Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) bewertete die Entscheidung gegenüber dem Sportinformationsdienst als „mindestens problematisch“, die Gesundheit der Spieler „dürfte bei den Verantwortlichen der Uefa eher eine nachrangige Rolle spielen“. Das Gesundheitsamt Leipzig wollte eine Absage nicht verantworten. „Wir entscheiden nicht, ob das Spiel stattfindet“, sagte Matthias Hasberg, Sprecher der Stadt Leipzig. Die Behörde habe nun einmal keine polizeiliche Befugnis und musste letztlich aus dem ukrainischen Lager „die Aussagen hinnehmen, was uns erzählt wird“.

Löw spürte, dass sich seine Mannschaft unverschuldet in einem Spannungsfeld bewegte, dass den Profifußball massiv Kredit kosten könnte, sollten DFB-Kicker nachträglich an Corona erkranken. Die Sternfahrten aller Berufssportler in Mannschaftssportarten zu Länderspielen bergen ein schwer beherrschbares Risiko.  Der DFB kann vor dem letzten Gruppenspiel in Sevilla gegen Spanien (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) nur hoffen, dass alles noch einmal gut gegangen ist. Dass von einem Fußballspiel an sich noch keine Ansteckungsgefahr ausgeht, hat der DFB-Mediziner Tim Meyer über seine Studien zwar belegt, dennoch sagte der Frankfurter Virologe Martin Stürmer im ZDF: „Medizinisch ist das Spiel unbedenklich, aber es ist das falsche Signal.“

Angesichts der diffizilen Gemengelage beim Thema Corona könnte es sein, dass die Nationalelf viel Vertrauen verspielt. Das Für und Wider der Austragung sei „ausführlich diskutiert“ worden, berichtete DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der kaum verhindern kann, dass Profis anderer Sportarten, aber vor allem viele Amateurkicker ob der bevorzugten Behandlung den Kopf schütteln. Löw äußerte denn auch Verständnis, „dass die Leute im Moment andere Gedanken und Sorgen haben. Aber wir haben uns in diesem Spiel nicht unsicher gefühlt.“ Sein Argument: „Es bestand für unsere Spieler keine unmittelbare Ansteckungsgefahr auf dem Platz. Aus meiner Sicht als Trainer war es gut, dass wir gespielt haben.“

Einige fußballerischen Erkenntnisse waren ja durchaus positiv. Wie Leroy Sane (23.) und Timo Werner (33. und 64.) nach dem frühen Rückstand durch Roman Jaremtschuk (12.) die Partie drehten, deutete auf ihre individuelle Klasse hin. Die Bestbesetzung ist mit ihrer spielerischen Klasse und ihrem enormen Tempo immer in der Lage, die von Löw gerne genannten Widerstände zu überwinden. „Es war ein intensives und sehr interessantes Spiel“, urteilte der Bundestrainer, der überraschend als Absicherung Robin Koch im defensiven Mittelfeld aufgestellt hatte.

Definitiv konnte Philipp Max auf der linken Seite punkten, überdies stellte Leon Goretzka mit seiner Dynamik einen wichtigen Faktor dar und gefiel als Wegbereiter vieler guter Aktionen. Durch das 1:1 der Spanier gegen die Schweiz genügt der DFB-Elf bereits ein Unentschieden, um sich den Gruppensieg zu sichern – und am finanziell lukrativen Final-Four-Turnier im Herbst 2021 teilzunehmen. Ein Taktieren kommt für den Bundestrainer nicht infrage: „Unser Anspruch ist es, nach Spanien zu fahren und zu sagen, wir wollen das Spiel gewinnen und nicht irgendetwas verteidigen. Wir spielen in Spanien nicht auf einen Punkt.“