Der deutsche Torwart Manuel Neuer ist nach seinen spektakulären Auftritten im Achtelfinale gegen Algerien sowie im Viertelfinale gegen Frankreich in aller Munde und fraglos auf dem besten Weg, einer der herausragenden Akteure dieser Weltmeisterschaft zu werden. Anlass genug, mit dem 27-Jährigen vor dem großen Halbfinale gegen Brasilien ein paar Themen zu besprechen.

Herr Neuer, auch in der deutschen Nationalmannschaft wird taktisch inzwischen ein sehr großer Wert auf die Defensive gelegt. Wie kam es zu diesem Umdenken?

Aus meiner Sicht kann man Turniere nur über eine stabile und gute Defensivarbeit gewinnen. Das Viertelfinalspiel gegen Frankreich hat gezeigt, dass wir uns in dieser Hinsicht gesteigert haben. Wenn wir das beibehalten, haben wir große Chancen, ins Finale zu kommen.

Das schöne Spiel ist aber etwas abhandengekommen.

Bei der Weltmeisterschaft 2010 wurden wir unterschätzt. Jetzt können wir nicht mehr so frech spielen, weil uns die anderen zu gut kennen. Dann muss man umplanen, vielleicht etwas sachlicher und unattraktiver spielen, um zum Erfolg zu kommen.

Brasilien muss ohne seinen Schlüsselspieler Neymar antreten. Wie bewerten Sie das?

Für uns ist es schade, dass Neymar nicht spielen kann. Wir wollen immer gegen die beste Mannschaft des Gegners spielen. Bei Brasilien ist jetzt wieder das Team der Star. Genau wie es bei Frankreich ohne Franck Ribéry der Fall war. Und wie es bei uns immer der Fall ist.

Ist Teamgeist ein Schlüssel zum Erfolg?

Sicherlich. Ich glaube, dass wir seit 2010 auf jeden Fall Fortschritte gemacht haben. Wenn man sieht, wie die Bank jetzt an der Außenlinie mitfiebert. Ich kann das aus meiner Position als Torwart ganz gut beurteilen. Keiner ist irgendwie beleidigt, wenn er mal nicht spielt. Jeder ordnet sich dem Ziel unter, weil jeder weiß, dass er auch persönlich vom Erfolg profitiert.

Ist aus der Mitfavoritenrolle nun die Top-Favoritenrolle geworden?

Glaube ich nicht. Es kommt auf die Tagesform an. Ich finde, dass wir uns gesteigert haben und unsere Siege verdient erzielt haben. Ich denke, dass wir uns jetzt in einen kleinen Lauf spielen können. Es herrscht eine positive Stimmung bei uns. Aber die herrscht bei den anderen auch. Die stehen ja auch im Halbfinale.

Im Estádio Mineirão erwartet Sie eine besondere Kulisse, womöglich gar eine feindselige?

Ich freue mich sehr darauf. Alle Brasilianer wollen natürlich, dass ihre Mannschaft ins Finale kommt. Das ist für uns etwas ganz Besonderes. Die Atmosphäre wird sicherlich grandios sein. Wir sollten sie aufnehmen und für uns nutzen. Ich freue mich jedenfalls auf ein Stadion, das ich nicht kenne. Ich sammle nämlich gerne Stadionpunkte.

Fürchten Sie die sehr robuste Spielweise der Brasilianer?

Alle Spieler tragen Schienbeinschoner. Aber im Ernst: Damit können wir umgehen. Wir hatten in diesem Turnier schon einige Fouls gegen uns und sind immer wieder aufgestanden. Wir können schon was aushalten. Wir sind ja selbst eine Mannschaft, die mit einer gesunden Härte agieren kann, die aber nie wirklich unfair spielt.

Bereiten Sie sich speziell auf ein mögliches Elfmeterschießen vor?

Ich bereite mich grundsätzlich auf jeden Gegner und besonders auf dessen Standardsituationen vor. Auch auf die Elfmeter. Das wird auch diesmal wieder der Fall sein.

Worauf vertrauen Sie? Auf Statistiken und Videos, die Sie vorgelegt bekommen oder mehr auf Ihre Intuition?

Am Ende muss man die Entscheidung von innen heraus treffen. Da kann man nicht nach dem Papier gehen. Wenn der Andy Köpcke mir vorher sagt, dass ein bestimmter Schütze sieben Mal nach rechts geschossen hat, und ich spring’ trotzdem nach links, dann ist das meine Entscheidung. Die kann mir niemand abnehmen.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.