Raus aus der Sackgasse: Die Probleme im deutschen Fußball kommen erst noch

Wie der Sportliche Leiter des Deutschen Fußball-Bundes, Joti Chatzialexiou, in der Ära nach Oliver Bierhoff um das „Konzept Zukunft“ kämpft.

An der Grasnarbe: Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes unterhält sich mit Nationalspielerin Merle Frohms.
An der Grasnarbe: Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes unterhält sich mit Nationalspielerin Merle Frohms.dpa/Sebastian Gollnow

Bei der Weihnachtsfeier des Deutschen Fußball-Bundes am vergangenen Freitag im neuen Campus war die Stimmung, nun ja, so la la. Auch Joti Chatzialexiou war nicht nach ausgedehntem Feiern zumute. Es sind gerade keine einfachen Tage für den 46-Jährigen. Chatzialexiou ist Sportlicher Leiter der Nationalmannschaften im DFB. Er ist damit im Grunde der Sportdirektor. Zuletzt wurde von Experten und von solchen, die glauben, Experten zu sein, eine Menge Unfug erzählt oder geschrieben. Das Ausscheiden des DFB-Teams bei der Weltmeisterschaft in Katar hat dafür gesorgt, dass das halbe Land nach einem DFB-Sportdirektor schreit.

Seit 2019 gibt es im DFB ein Programm, das Abhilfe schaffen soll

Komischerweise hat kaum jemand sich mal die Mühe gemacht, in diesem Zusammenhang den Namen Chatzialexiou zu erwähnen. Vielleicht, weil er nicht so einfach auszusprechen ist wie Mertesacker oder Sammer oder Hrubesch. Dabei ist Chatzialexiou gebürtiger Frankfurter, formuliert geschliffen und präzise, hat acht Jahre lang im Leistungszentrum von Eintracht Frankfurt als Trainer gearbeitet und ist seit 2003 für den DFB tätig, unter anderem an der Seite der ehemaligen Sportdirektoren Matthias Sammer, Robin Dutt, Hansi Flick und Horst Hrubesch.

Chatzialexiou weiß also, wovon er redet, wenn er über den deutschen Fußball und dessen Probleme spricht. Er hat sie schon vor vielen, vielen Jahren immer und immer wieder geradezu gebetsmühlenartig angesprochen und im 2019 vorgestellten „Projekt Zukunft“ strukturiert gebündelt ein Programm entwickelt, das Abhilfe verschaffen soll. Auch deshalb wundert er sich darüber, wie pauschal gerade geurteilt wird. Denn eines hat sicher nichts miteinander zu tun: das Vorrunden-Aus der A-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 und die Leistungslücke im Nachwuchsbereich.

Das Drama steht nämlich erwartungsgemäß noch bevor. Chatzialexiou argumentiert: „Die Nationalmannschaft hatte nicht das Problem, zu wenig Qualität zu haben. Die aktuellen Diskussionen für notwendige Maßnahmen allein mit dem Abschneiden bei der WM zu begründen, verstehe ich nicht. Denn die Probleme, die von uns benannt werden, sind heute noch gar nicht mal so präsent. Sie betreffen weniger die aktuelle Mannschaft – wenn wir nicht endlich Veränderungen anstreben, werden wir viel mehr erst in den kommenden Jahren ein wirkliches Qualitätsproblem erleben.“

Die Analyse, die er auf dem verbandseigenen Kanal dfb.de gibt, ist eindeutig, ehrlich, knallhart. Und man muss sich schon wundern, warum Chatzialexiou - erst recht nach dem Ausscheiden von Oliver Bierhoff - nicht Mitglied im kürzlich von DFB-Präsident Bernd Neuendorf vorgestellten Expertenrat oder zumindest in der DFB-internen Arbeitsgruppe zur Zukunft des Fußballs ist.

In Katar war der Fachmann in der Vorrunde vor Ort und hat die Defizite natürlich erkannt: „Uns hat die Konsequenz vor dem Tor gefehlt. Also etwas, das den deutschen Fußball lange ausgezeichnet hat. Genau wie die unbedingte Defensivlust, die in der Vergangenheit Teil unserer DNA war. Wir müssen wieder dahin kommen, dass wir dem Gegner auch mal wehtun und über 90 Minuten konstant verteidigen.“

Eine der zentralen Fragen lautet: Werden deutsche A-Nationalmannschaften in fernerer Zukunft überhaupt noch gut genug sein, sich über Chancenwucher zu ärgern? Bei dieser WM war es noch so, wie Chatzialexiou es beschreibt: „Wir haben uns eine Vielzahl an klaren Chancen herausgespielt und einen Expected-Goals-Wert aufgestellt, der höher als bei allen anderen Teams war. Das zeigt die vielen guten Lösungen, die wir in der Offensive präsentiert haben.“

Deutsche Nachwuchsteams haben vermehrt Probleme

Diese vielen guten Lösungen mit mehreren Toptalenten in jedem Jahrgang dürften bald zur Neige gehen. Die deutschen Nachwuchs-Nationalmannschaften haben vermehrt Probleme, mit der absoluten Spitze mitzuhalten. Deshalb hat Chatzialexiou mit Meikel Schönweitz, dem Cheftrainer der U-Teams, und Tobias Haupt, dem Leiter der DFB-Akademie, unter Führung von Oliver Bierhoff das „Projekt Zukunft“ entwickelt. „Das Projekt steht für den Prozess einer langfristigen und ganzheitlichen Veränderung im deutschen Fußball“, erklärt Chatzialexiou. „Seit Anfang 2018, noch vor der damaligen WM, haben wir uns den Status Quo im deutschen Nachwuchsfußball angeschaut und notwendige Verbesserungsvorschläge definiert. Das waren Konzepte für eine verbesserte Nachwuchsförderung: Wir haben bereits den Kinderfußball reformiert, die Trainer:innen-Entwicklung und die Digitalisierung im Fußball vorangetrieben.“

Eigentlich könnte Aufbruchstimmung herrschen im DFB mit seinem tollen neuen Campus. Aber bei einigen Projekten hakt es doch gewaltig, auch, weil der DFB wegen des Investments in den Campus und die Gefahr von Steuernachforderungen gerade nicht über die ganz große Finanzkraft verfügt, und auch, weil mancher Landesverband, mancher Klub, mancher Trainer wahrlich nicht begeistert ist von der neuen Trainerausbildung, von den Plänen zur Eliteförderung der höchsten Juniorenligen, vom Kinderfußball auf kleinen Plätzen auf kleine Tore, vom Futsal ohne Körpereinsatz und ohne Banden in der Halle. An der Basis fühlen sich Ehrenamtliche unverstanden, und oben im DFB, wo sie den Elitefußball wieder auf Vordermann bringen sollen, fühlen sich Chatzialexiou und seine Leute ebenso unverstanden. DFB-Präsident Bernd Neuendorf spricht davon, er sei dabei, das „Konzept Zukunft“ aus der Sackgasse zu befördern.

Joti Chatzialexiou: „Wir müssen jetzt handeln!“

Joti Chatzialexiou kennt die Vorbehalte, er spricht von „einem langwierigen und teils herausfordernden Prozess“, was netter formuliert ist, als es sich tatsächlich anfühlt. Er hatte selbst von sich erwartet, besser durchzudringen, denn er ist ein sehr kommunikativer Typ, dem wenige Wege zu weit waren, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber das hat nicht überall funktioniert, umso mehr dringt der Sportliche Leiter weiterhin darauf: „Allen Beteiligten muss bewusst sein, dass uns ein verschlepptes Umsetzen Teile unserer Zukunft kostet – wir müssen jetzt handeln!“ Viele aus dem Amateurlager finden jede Handlung eine zu viel. Chatzialexiou ist ihnen als Gefolgsmann von Bierhoff verdächtig. Und auch die DFB-Nachwuchstrainer verfügen nicht über den allerbesten Ruf in der Szene.

Chatzialexiou wehrt sich dagegen: „Unsere Trainer sind nicht nur aktiv, wenn die Mannschaften zusammen sind. Allein in diesem Jahr haben sie rund 1100 Spiele gesichtet, 130 Vereinsbesuche absolviert und bei mehr als 200 Vorträgen den Kontakt zu unseren Klubs und Landesverbänden gepflegt und Wissen mit ihnen geteilt.“ Der DFB-Sportchef will nicht aufgeben: „Hand in Hand mit den Vereinen wollen wir sie optimal begleiten. Erfolg hat man nur gemeinsam und diesen sollten wir sehr schnell wieder nach Deutschland holen!“ Jetzt ist er gespannt, wer nach Bierhoff der neue Geschäftsführer in der Abteilung wird. Die Zukunft, so viel steht fest, liegt sicher nicht nur in seinen Händen.