DFC Prag: Die Zukunft läuft auf dem Rasen

Prag - Sechs Jungs in schwarzen Hosen und blauen Trikots wuseln über den Fußballplatz im Prager Stadtviertel Liben. Laut schallen deutsche und tschechische Rufe über den Platz. „Pozor!“, schreit Rudy Vintr, der junge Prager Assistenztrainer. „Hinten dichtmachen!“, ruft der Deutsche Hendrik Taulin.

Es nützt nichts, wieder schlägt ein Ball des Gegners im Tor der blau-schwarz gekleideten Acht- und Neunjährigen ein. Das vierte innerhalb von fünf Minuten.

Fanda, der eigentlich Stürmer ist und heute im Tor aushelfen muss, hockt am Boden. Er hat die Hände vors Gesicht geschlagen. „Hoch, Fanda, weiter geht’s“, ruft Hendrik Taulin.

Ein Sonnabendmittag im Prager Nordosten. Auf dem Kunstrasenplatz des Vereins Meteor Prag ist mit kleinen rot-weißen Plastikkegeln ein etwa 35 mal 40 Meter großes Feld markiert. Viermal 17 Minuten dauert das Punktspiel, zu dem der Deutsche Fußballclub Prag seinen Gegner empfängt.

Es ist erst das zweite Punktspiel des DFC überhaupt, seit der Verein sich 2016 wiedergegründet hat. Für die jungen Fußballer mag die historische Dimension kein Trost für die Niederlage sein, die sie an diesem Nachmittag kassieren.

Für die Männer an der Seitenlinie, die den DFC neu belebt haben, ist das Ergebnis aber Nebensache. „Der DFC ist wieder da“, sagt Hendrik Taulin „Das ist das Wichtigste.“

Taulin, 40 Jahre alt, ist der Finanzvorstand des DFC Prag. Er ist in Pankow geboren und aufgewachsen, heute fliegt er als Unternehmensberater durch die Welt und macht ab und zu Zwischenstation in Prag.

Ein großer Mann mit offenem Gesicht, einer, dem man glaubt, dass es für ihn keine unlösbaren Probleme gibt. „Anders geht es nicht, wenn man so ein Projekt wie den DFC Prag anfasst“, sagt Taulin. „Es ist ja nicht damit getan, dass man sich mit ein paar Freunden zum Bier trifft und beschließt, jetzt gründen wir mal einen Fußballclub.“
Dabei ging es genau so los.

„In 60 Ländern habe ich Spiele besucht, das ist mein Hobby“

Vor zwei Jahren war das, als in Prag eine Anfrage aus Leipzig eintrudelte. Die Traditionsmannschaft des ersten deutschen Fußballmeisters VfB Leipzig wollte die Endspielbegegnung vom 31. Mai 1903 wieder auflegen und suchte den damaligen Gegner, den DFC Prag.

Den Verein gab es nicht mehr, das Spiel kam dennoch zustande dank des Einsatzes fußballverrückter Deutscher, die in Prag leben und arbeiten. Wie die Begegnung von 1903 endete das Traditionsspiel mit einer deutlichen Niederlage der Prager. Beim Bier mit Freunden sei dann die Idee geboren worden, den deutschen Verein aus Prag wiederaufleben zu lassen, erzählt Taulin.

In der Jugend hat er selbst Fußball gespielt, bei Bergmann Borsig in Pankow, heute schaut Taulin meist nur noch zu. Überall, wo er gerade ist auf der Welt, geht er in Stadien und auf Fußballplätze. „In 60 Ländern habe ich Spiele besucht, das ist mein Hobby“, sagt er.

Dabei interessiert er sich nicht nur für das Spiel, sondern auch das ganze Drumherum – Publikum, Ausstattung der Stadien, Bierpreise. „Vielleicht war tief in mir schon immer den Wunsch, selbst einen Fußballverein zu gründen“, sagt er.

Ein Sieg gegen die Bayern

Der DFC Prag aber ist nicht irgendein Klub. Seine Geschichte ist verbunden mit der deutschen Geschichte. Im Jahre 1896 wurde der Klub von deutsch-national gesinnten Juden gegründet.

Er entstand aus der Fußballabteilung des Deutschen Eis- und Ruder-Clubs Regatta Prag. In der Fußballmannschaft spielten Tschechen und Deutsche zusammen, darunter viele Juden. Als im Jahre 1900 der Deutsche Fußballbund (DFB) entstand, wurde der damalige DFC-Präsident Ferdinand Hueppe zum ersten Vorsitzenden gewählt.

Auch an der ersten deutschen Meisterschaft 1903 nahm der Prager Verein teil und scheiterte erst im Finale mit 2:7 an den Leipzigern. Drei Jahre zuvor hatte der Verein einen Sieg gefeiert, über den die Neuen vom DFC noch heute gern sprechen. 8:0 besiegte man einen frisch gegründeten Verein aus Deutschland – den FC Bayern München.

Nach dem Beitritt des DFB zur Fifa im Jahr 1904 durfte der DFC Prag nicht mehr an den deutschen Meisterschaften teilnehmen. Der DFC nahm daher zunächst an den Meisterschaften in Österreich-Ungarn teil und spielte nach dem Ersten Weltkrieg in der tschechoslowakischen Liga.

Eine Neugründung des Vereins nach Kriegsende war aussichtslos

1939, kurz nach der deutschen Besetzung Prags, löste sich der DFC auf und kam damit einem Verdikt der Nazis zuvor. Schon in den Jahren zuvor hatten die Spieler insbesondere bei Partien gegen Vereine aus dem deutsch dominierten Sudetenland die Feindschaft der Nationalsozialisten gespürt.

Nach der Besetzung emigrierten einige jüdische DFC-Spieler ins Ausland. Andere wurden von den Nazis verhaftet und in die Konzentrationslager in Theresienstadt und Auschwitz deportiert, wo viele von ihnen starben.

Eine Neugründung des Vereins nach Kriegsende wäre aussichtslos gewesen. Nach dem Dekret 108 des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes vom Oktober 1945 mussten bis zu drei Millionen Deutsche das Land verlassen; ihr Vermögen wurde konfisziert.

Längst ist der Eiserne Vorhang Geschichte, Tschechien ist eine demokratische Republik und Mitglied in der Europäischen Union. Allerdings gibt es in Tschechien ein politisches Umfeld, das den Deutschen nicht immer gewogen ist.

DFC als Projekt der Völkerverständigung

Da ist ein Präsident, der mit anti-europäischen Parolen Politik macht, es gibt die aus mehreren osteuropäischen EU-Ländern gebildete Visegrad-Gruppe, der Tschechien angehört und die sich in zentralen Positionen gegen die EU stellt. Und es ist ein latentes Misstrauen gegen die Deutschen zu spüren.

Hendrik Taulin hat davon nichts bemerkt bei der Wiederbelebung des DFC. „Unsere Idee wurde überall positiv aufgenommen“, sagt er. „Sicher schaut man genau auf die Entwicklung unseres Clubs. Am Ende aber zählt doch, dass man uns vertraut hat.“

Die Initiatoren des neuen DFC kennen die Gegebenheiten in Tschechien. Sie leben und arbeiten seit Jahren als Deutsche in Prag. Ein Rechtsanwalt ist dabei, ein Historiker sowie Manager, Lehrer und ein Journalist. „Wir haben frühzeitig Kontakte gesucht und Partner gewonnen“, erzählt Taulin.

Beim tschechischen Fußballverband seien sie gewesen, hätten das Konzept erläutert. Bei der jüdischen Gemeinde von Prag. In den drei deutschen Schulen der Stadt, wo Kinder unterschiedlicher Nationalitäten lernen.

„Ihnen allen haben wir erklärt, dass wir kein deutscher Verein für Deutsche sein wollen. Vielmehr wollen wir den DFC als als ein Projekt der Völkerverständigung gestalten.“ Tatsächlich spielen im U9-Team des DFC, der ersten regulären Mannschaft des Vereins, neben Deutschen und Tschechen auch russische und vietnamesische Kinder mit.

Die Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder des Klubs kommen aus Deutschland und Tschechien. So etwas ist im tschechischen Fußball ungewöhnlich. „Es gibt wenige Ausländer in der Liga“, sagt Thomas Oellermann. „Wir sind hier der erste Klub mit Migrationshintergrund.“

Oellermann schaut an diesem Sonnabend ebenfalls dem Spiel der U9-Mannschaft im Meteor-Stadion zu, denn auch er ist im Vorstand des DFC. Dort ist er für den Bereich „Werte & Geschichte“ zuständig. Eine Idealbesetzung, der 40-Jährige ist Sporthistoriker, arbeitet seit zwölf Jahren für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag.

Thomas Oellermann kann stundenlang über den alten DFC Prag referieren. Über das einstige Stadion des Vereins zum Beispiel, das auf dem Letna-Hügel im Norden der Innenstadt stand.

Gleich daneben hatte Slavia Prag seine Spielstätte, gegenüber lag das Stadion von Sparta. „So wie Slavia und Sparta heute Traditionsvereine der Stadt sind, hätte das auch der DFC noch sein können, wären nicht in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen“, sagt er.

Es ist wichtig den jungen Spielern Traditionsbewusstsein zu vermitteln

Und auch der Letna-Hügel, die Heimstatt des alten DFC, stehe für die Geschichte des letzten Jahrhunderts, fügt er hinzu. Dort stand nach Kriegsende die Stalin-Statue, später mussten die Prager bei den 1.-Mai-Demonstrationen an ihrer kommunistischen Regierung vorbeimarschieren, bevor im November 1989 Vaclav Havel dort vor Hunderttausenden den Erfolg der samtenen Revolution verkündete.

„Wenn man das alles in Beziehung zueinander setzt, und auch die Wurzeln und den Geist des DFC dazu nimmt, dann sieht man, dass der Verein immer mehr war als ein bloßer Fußballklub“, sagt Oellermann. „Diesen Geist von Toleranz und Freiheit wollen wir mit unserem neuen DFC fortführen.“

Dem Historiker ist es wichtig, den jungen Spielern Traditionsbewusstsein zu vermitteln. Damit sie lernen, dass der Sport auch immer etwas mit Politik und den Werten, nach denen eine Gesellschaft lebt, zu tun hat. „Da geht es um ganz alltägliche Fragen, etwa wie ich mit Konflikten umgehe oder einen Streit im Team beilegen kann“, sagt er.

Eine Silbermedaille erinnert an früher
Plakate, Fotos, Urkunden oder Trikots des alten Vereins wären hilfreich dabei, ein Bewusstsein für Tradition zu vermitteln. Ein Vereinsarchiv existiert allerdings nicht mehr.

Weil die Club-Verantwortlichen bei der Auflösung des Vereins 1939 aus Selbstschutz viel vernichteten; und weil auch in kommunistischer Zeit Archive zerstört wurden. „Ein paar alte Programmhefte habe ich zusammentragen können, immerhin“, sagt Oellermann, „Und eine Siegermedaille habe ich gefunden, sie liegt in einem Museum in Usti.“

Tradition ist das eine, Geld das andere, denn so ein Fußballverein kostet. Hendrik Taulin hat sich von Beginn an keine Illusionen gemacht. Dem Klub seien die guten Verbindungen der deutschen Gemeinde zugutegekommen.

Einen Hauptsponsor habe man schon, auch einen Ausrüstungsvertrag mit einem Sportartikel-Hersteller. Für ihn ist der DFC Prag ein Zukunftsprojekt „Natürlich haben wir mit dem Deutschen Fußball-Club Prag bewusst eine Marke wiederbelebt, die wir mittel- und langfristig bekanntmachen und kommerziell nutzen wollen“, gibt Taulin zu.

Ziel sei eine leistungsstarke Männermannschaft, die im tschechischen Ligabetrieb mitspielt. Bis dahin sei es ein weiter Weg, sagt er noch und schaut auf seine Jungs , die gerade eine zweistellige Niederlage eingefahren haben und erschöpft auf dem Kunstrasen des Meteor-Stadions liegen. „Aber Träume“, sagt Taulin, „Träume darf man ja haben.“