Wie lange wird die Gelbe Wand bei Borussia Dortmund noch leer bleiben?
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BerlinIm Geschäftsbericht von Borussia Dortmund ist nachzulesen, was die Zuschauer zum wirtschaftlichen Erfolg eines börsennotierten Bundesligisten beitragen. Aktionären ist genau zu erklären, woher jeder Euro stammt. Am Umsatz von 446 Millionen Euro (Saison 2018/2019) machte der Spielbetrieb exakt zehn Prozent aus (44,6/28,2 Millionen aus Bundesligaspielen). Die Abhängigkeit von Ticketeinnahmen ist bei allen Erstligisten in der Vergangenheit seit Jahren erheblich geschrumpft. 1992/93 bedeuteten die 150 Millionen Mark aus dem Kartenverkauf noch den Löwenanteil am Bundesliga-Gesamtumsatz. Der BVB speiste davon mit 18,2 Millionen Mark das meiste auf diesem Sektor ein. Inzwischen besteht nach der ersten Saison der Bundesliga mit erzwungenen Geisterspielen die Gewissheit, dass der monetäre Verlust bei Spielen ohne Zuschauer fast leichter zu verschmerzen ist als der emotionale. BVB-Auftritte ohne Gelbe Wand wirken besonders sinnentleert.

Trotzdem muss der Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Watzke die herbeigesehnten Fans in die Stadien rational betrachten. Seine Prognose: Bis Mitte August müsse man sicher abwarten. Der BVB-Boss gilt mit seinen politischen Verbindungen als einer der wichtigsten Mittler, denn in letzter Instanz entscheidet nicht die Liga, sondern die Politik darüber, ob sich an Stadiontoren wieder Menschen in langen Schlangen anstellen wie zuletzt vor den Schwimmbädern. Die Gesundheitsminister der Länder wollen sich auf ihrer Konferenz am 10. August mit einer möglichen Teilrückkehr von Zuschauern beschäftigen.

Geisterspiele sollen der Vergangenheit angehören

Am Dienstag stellt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) auf ihrer nächsten virtuellen Mitgliederversammlung ein Konzept zur Abstimmung. Es geht um einen einheitlichen Rahmen für die 36 Lizenzvereine, um einen regionalen Flickenteppich verschiedener Lösungen zu verhindern, wobei eingedenk der dynamischen Entwicklung und der steigenden Zahl von Neuinfektionen niemand weiß, wann er wirklich zur Anwendung kommt. Gleichwohl: Stimmungsarme Geisterspiele sollen lieber heute als morgen wieder Geschichte sein, weil sie dauerhaft auch Fernsehpublikum und Sponsoren vergraulen.

Der neue Leitfaden sieht vorerst keine Gästefans bis Jahresende, keine Stehplätze und keinen Alkohol jeweils bis 31. Oktober und eine Registrierung der Besucher vor, um eventuelle Infektionsketten nachverfolgen zu können. „Das sind Maßnahmen, die generell dazugehören“, sagt der Pharmakologe Fritz Sörgel. Über diese vier Punkte wird abgestimmt, es genügt die einfache Mehrheit.

Fest steht, dass Fußballfans die Abstandsregel nicht so missachten dürfen wie die Teilnehmer an Freiluftpartys oder Demonstrationen. Unmissverständlich hat die DFL als Grundbedingung genannt: „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie erfordert weiterhin hohe Wachsamkeit und erhebliche Anpassungen gewohnter Verhaltensweisen in vielen gesellschaftlichen Bereichen.“ Es reicht, dass Stadien in Mailand oder Liverpool das Virus durch Europa trugen – das darf in einer deutschen Arena keinesfalls passieren. Sonst rollt der Ball für längere Zeit vor leeren Rängen.

Das mächtige Fanbündnis „Unsere Kurve“ stört sich am grundsätzlichen Misstrauen gegenüber den organisierten Anhängern und fürchtet, dass unter dem Corona-Deckmantel bald Regularien gelten, die später nicht mehr zurückgenommen werden. Die DFL betont, dass es sich etwa beim Verzicht auf die Stehplätze „explizit um eine vorübergehende Anpassung“ handele. Dass Union Berlin an seiner Alten Försterei (22.012 Plätze) mit weniger als 4.000 Sitzplätzen über Corona-Tests eine volle Auslastung hinbekommt, erscheint ausgeschlossen. Auch die avisierten 21.000 Zuschauer in Leipzig, 20.000 in Frankfurt oder 15.000 in Bremen auf fest zugeteilten Sitzplätzen wirken ambitioniert. Hinzu kommt: Mit dem späten Saisoneinstieg am 18. September hat sich der deutsche Fußball dazu entschlossen, seinen Spielbetrieb fast komplett in den Herbst und Winter zu verlegen, wo naturgemäß Viren aller Art leichteres Spiel haben.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jedenfalls hält Bundesligaspiele mit 25.000 Zuschauern ebenso „für sehr schwer vorstellbar“ und für das „falsche Signal“. Ähnlich äußerte sich der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). „Eine Vollbesetzung der Stadien noch in diesem Jahr halte ich für ausgeschlossen“, meinte er. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki und der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit halten dagegen eine Rückkehr der Fans in die Stadien grundsätzlich für vertretbar.

Unter Virologen sind die Bestrebungen nach einer teilweisen Öffnung der Stadiontore übrigens genauso umstritten wie unter Politikern. „Um Infektionen komplett auszuschließen, müsste man Spiele mit Zuschauern weiter verbieten“, sagte zuletzt der Dresdner Alexander Dalpke. Hingegen äußerte sich Jonas Schmidt-Chanasit aus Hamburg hoffnungsvoller. „Wir haben alle Möglichkeiten, das technisch umzusetzen.“ Der Professor vom Bernhard-Nocht-Institut würde den Piloten wagen. Der Profifußball kann als Argument anführen, dass das erste von DFL und DFB entworfene Hygiene- und Sicherheitskonzept tadellos funktioniert hat.