Es rappelt auf der Kiste: Thomas Tuchel verfolgt sitzend die Partien seines Teams in Lissabon.
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ParisFrüher wäre ein Mann in solch einem Fall für eine besonders krasse Form der Hochwasserhose verspottet worden. Inzwischen sind Beinkleider ja gewissermaßen in Mode, die den Blick auf den Knöchel freilegen. Bei Thomas Tuchel kommt derzeit noch das halbe Wadenbein mitsamt der dunkelblauen Socken zum Vorschein, weil der Trainer von Paris Saint-Germain die Spiele gezwungenermaßen wegen eines Bruchs des linken Mittelfußes und eines klobigen Schutzschuhs vorwiegend sitzend auf einer Kühlbox verfolgt.

Zwischen Turnschuh und Hosenbein ist dann viel Platz, was aber zu einem Fußballlehrer passt, der gefühlt viel Frischluft an sich lässt. Vor dem Finale der Champions League des französischen Titelträgers PSG gegen den deutschen Rekordmeister FC Bayern (Sonntag, 21 Uhr/ZDF) verstärkt sich der Eindruck, dass der 2018 verpflichtete Schwabe in einen Jungbrunnen gefallen ist, die ihn gefühlt vor Vorfreude auf diesen Showdown ins Estadio da Luz schweben lässt. Hat Tuchel in Pressegesprächen schon mal so viel gelächelt wie die vergangenen Tage in Lissabon?

Je weiter dieses Final-8-Turnier in der portugiesischen Kapitale mit seiner eigenartigen Atmosphäre fortgeschritten ist, desto größer die Befreiung des Pariser Trainers. Spätestens nach dem Endspieleinzug gab der 46-Jährige beinahe kindlich anmutende Erinnerungen seiner Fußballbegeisterung preis, die nur eine Vermutung zulassen: All sein Hang zur Perfektion, sein Streben nach dem Besserwerden liegt vielleicht darin begründet, sich auf der Champions-League-Bühne zu beweisen, die ihn weder in Paris noch in Dortmund zuvor über das Viertelfinale hinausgetragen hatte. Und in Mainz, vielleicht hat es Tuchel sogar verdrängt, war anfangs die Hürde der Europa-League-Qualifikation zu hoch. Sein 05er-Team scheiterte einst im Elfmeterschießen an Gaz Metan Medias, einem Nobody aus Rumänien. Anfang August 2011. Lang, lang ist’s her.

Nun stimulieren denselben Fußballlehrer plötzlich Europokalgeschichten, die noch viel länger zurückliegen. Weil im Mannschaftshotel des PSG-Trosses ständig die alten Champions-League-Höhepunkte liefen, zum Beispiel AC Mailand gegen den FC Barcelona – die 4:0-Lehrstunde vom Finale 1994 –, „kann ich mich manchmal daran erinnern, wo ich das geschaut habe als Jugendlicher, wie der ganze Tag voller Vorfreude darauf war, die Spiele zu schauen“, erzählte Tuchel am Dienstag auf Sky. Dieses Gefühl, führte er aus, komme heute zwar nicht mehr wieder, aber bei genau einem solchen Finale als einer der Hauptakteure mittendrin zu stecken, vermittelt viel innere Zufriedenheit. Zumal sein Part auch mit Gehbehinderung zu erledigen ist. Dafür reicht es ja fast, am Laptop zu sitzen und im Hotel eine Besprechung zu leiten.

Die Lebenslust ist dem oft grüblerisch, mitunter auch mürrisch wirkenden Coach dieser Tage anzusehen. Dabei ist es nicht so lange her, dass Tuchel auf Außenstehende einen ungenießbaren Eindruck machte. Als Borussia Dortmund mal wieder nicht in die Spur fand und im November 2016 bei Eintracht Frankfurt unterlag, benutzte Tuchel ätzende Worte („unsere Leistung ein einziges Defizit: technisch, taktisch, mental, Bereitschaft, komplett“), um sein Team zu geißeln. In jener Saison sollte er mit seinen Tiraden bald jeglichen Rückhalt bei seinen Spielern verspielen. Mit den Bossen überwarf er sich spätestens nach dem Busattentat vor dem Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco im April 2017. Die Trennung war am Ende unvermeidlich.

Die Biografen Daniel Meuren und Tobias Schächter, die ohne Tuchels Zutun eine lesenswerte Persönlichkeitsbeschreibung („Der Fußball-Besessene“) schrieben, haben dazu festgehalten: „In Mainz entwickelt er bereits mit den Jahren immer ausgeprägter auch jene Charakterzüge in seiner Mannschaftsführung, die vor allem in Dortmund zu Problemen führten. Er wird ungeduldig, bisweilen cholerisch sowie unnachgiebig und nachtragend.“ Es kam reihenweise zu Pressekonferenzen, die entglitten, weil Reporter mit der besserwisserischen Attitüde des Trainers nicht klarkamen. Letztlich fanden auf dieser Station wohl alle Seiten (menschlich) nicht zueinander.

Nun kommt es vielen so vor, dieses von der Außenwelt weitgehend abgeschirmte Champions-League-Turnier habe auf das Gemüt des Mannes einen noch heilsameren Effekt als einst sein Sabbatjahr 2014/2015 nach insgesamt fünf erfolgreichen, aber auch für alle Beteiligten anstrengenden Jahren in Mainz. Es wirkt so, als habe da ein Mann, der viel jünger aussieht, als er ist, in den angesagten Ausgehvierteln der portugiesischen Hauptstadt eine nette Bekanntschaft gemacht, die er jede Nacht heimlich ins nächste Szenelokal führt. Das tut der Familienvater natürlich nicht. Aber den Henkelpott in den Händen zu halten – das würde sich endgültig wie eine neue Liebe anfühlen. Auch für seinen neureichen Arbeitgeber übrigens, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert.

Vom ersten Tag bei PSG hat Tuchel gewusst, dass er auf dieses Ensemble öffentlich nicht so eindreschen darf wie beim BVB. Irgendwie scheinen trotzdem alle gerade überrascht, wie gut die Maschinerie läuft. Die Superstars, vor allem Neymar, aber auch Kylian Mbappe oder Angel di Maria, stellen allesamt ihr Ego zurück. Trotz der großen Spieler, stellte Tuchel erstaunt fest, weise sein Team gerade die Mentalität einer kleinen Mannschaft auf. „Das ist bemerkenswert. Es fühlt sich so als, als würdest du einen Underdog trainieren.“ Und vielleicht behagt ihm das besser, jetzt Trainer vom „1. FSV Paris 05“ (Süddeutsche Zeitung) zu sein.

„Man könnte uns unterstellen, wir definieren uns nur über die Einzelqualität – aber das ist eben nicht so“, erklärte der PSG-Coach nach dem Halbfinale. „Das ist schön, dass wir die Verbissenheit jetzt zeigen. Das ist der Hammer.“ Wer dem ehemaligen Schalker Thilo Kehrer nach der Lehrstunde für die überforderten Leipziger zuhörte („Dieses Jahr sind wir als Mannschaft zusammengerückt. Wir sind wirklich ein eingeschweißter Haufen“), der konnte nicht genau ergründen, was nun das Zusammenwachsen zum hungrigen Kollektiv befördert hat.

Vielleicht hat Tuchel diesen Prozess gar nicht explizit gefördert – er hat ihn aber nicht mit übertriebener Methodik verhindert. Er selbst sieht in den Zugängen einen wichtigen Faktor: „Wir haben mit Keylor Navas, Sarabia und Herrera Typen geholt, die Erfahrung haben, international gespielt haben und Titel gesammelt haben. Sie bringen sich total ein in die Mannschaft, die haben noch mal für Klebstoff gesorgt.“ Ihm hat’s auch geholfen, im Superstar-Milieu besser zurechtzukommen.

Saint-Germain bleibt für Tuchel ein Wagnis

Gleichwohl bleibt ein Konstrukt wie PSG für jeden Trainer der Welt ein Wagnis, sollte das erste Champions-League-Endspiel der Vereinsgeschichte verloren werden. Niemand weiß, wie die katarischen Eigner mit ihrem Soft-Power-Instrument umgegangen wären, wenn der Global Player PSG nicht das Achtelfinale gegen Tuchels Ex-Klub Dortmund überstanden, das Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo in letzter Minute gedreht und das Halbfinale gegen RB Leipzig dominiert hätte. Neymar oder Kylian Mbappé hätten wohl kaum den Laufpass bekommen, vermutlich aber ihr Trainer, obwohl Klubpräsident Nasser al-Khelaifi von dessen Qualitäten ja überzeugt wird.

In der deutschen Presse werden Tuchel – anders als seinem Gegenüber Hansi Flick – noch nicht übermäßig viele Lobpreisungen zuteil. Vielleicht liegt das daran, dass er sich im Gegensatz zu seinen Bundesliga-Anfangszeiten – der Mainzer Manager Christian Heidel hatte ihn 2009 kurz vor Bundesliga-Start von den A-Junioren hochgezogen, weil ein gewisser Jörn Andersen jeden Rückhalt verloren hatte – nicht nur im Coaching, sondern vor allem im Experimentieren zurückhält. Sein 4-3-3 und sein 4-4-2 unterscheiden sich nur in Nuancen, aber die Grundordnung ist immer dieselbe, weil es hinten am meisten Stabilität und vorne am meisten Flexibilität verspricht.

Der Taktik-Nerd muss keinem Taktik-Experten mehr was beweisen, was den Vorteil hat, sich in solch wichtigen Spielen nicht mehr vercoachen zu können, wie das ja selbst dem Weltmeistertrainer Joachim Löw noch 2012 passiert ist, als der Bundestrainer vor dem Halbfinale Deutschland gegen Italien seine eigenen Grundsätze mit einer eigenartigen Mittelfeldkonstruktion verriet. Früher ist Tuchel aufgeblüht, wenn er in den „Tuchel-Runden“, so hießen die Zusammenkünfte am Stehtisch im alten Mainzer Bruchweg-Stadion meist dienstags mit wenigen Journalisten und ohne Kamera, über ein anstehendes Spiel gegen den FC Bayern gesprochen hat. Zehn, elf taktische Herangehensweisen hatte er dann meist im Kopf, umgesetzt wurden am Wochenende dann tatsächlich schon mal vier oder fünf.

Oft genug hatte Tuchel gegen die Bayern auch Erfolg: Und wenn seine Mainzer gegen die Münchner nicht die Überraschung schafften, verdienten sie sich Komplimente als Verlierer, die nicht nur widerspenstig, sondern auch mutig und listig waren. Heute wird Tuchel keine Experimente mehr angehen. Wie sagte er vor dem Halbfinale: „Wenn so viele Variablen im Spiel sind und so viel Qualität drinsteckt, ist der Schlüssel, bei sich selbst zu bleiben.“ Der Grenzgänger wird seine Einzelkönner einfach wieder machen lassen. Die spannendere Frage ist eher, ob er auf seiner Kühlbox wieder die Hochwasserhose trägt.