Als der Bob von Mariama Jamanka und ihrer Anschieberin Lisa Buckwitz im Zielbereich des Alpensia Sliding Centre angekommen war, schlug sich die Pilotin die Hände vors Gesicht. Sie kauerte auch noch kurz im Schlitten, als das gesamte Betreuerteam angerannt kam, um die bislang größte Goldüberraschung des deutschen Teams zu feiern. „Als die Eins aufleuchtete, war das ein Moment der Fassungslosigkeit. Ich konnte nicht so reagieren wie die Jungs“, sagte Jamanka.

Auch als sie aus dem Bob gestiegen war, um sich Umarmungen abzuholen, reagierte Jamanka so gar nicht wie Francesco Friedrich und Thorsten Margis nach ihrem Goldlauf im Zweier. Sie waren der Ekstase nicht nur nah, sondern setzten ganz neue Maßstäbe. Jamanka aber wirkte so, als hätte sie ein Ufo gesehen. Als Lauren Gibbs, Anschieberin des zweitplatzierten US-Bobs, die Siegpilotin dann packte und in die Luft reckte wie einen Pokal, formte Jamanka ein Peacezeichen und lachte gemeinsam mit Buckwitz in Richtung Publikum.

Es war ein Triumph, der tatsächlich so unglaublich war wie eine Ufolandung. Zuvor hatte Jamanka noch nie einen Weltcup gewonnen. Ihr Europameistertitel 2017 war eher als Anerkennung zu verstehen, als dass sie sich ärgste Verfolgerin der starken Nordamerikanerinnen nennen durfte. Dass Anschieberin Annika Drazek, die als weltweit Beste der Branche gilt, nicht ihren, sondern den Bob von Stephanie Schneider auf Tempo brachte, war als Signal zu verstehen, dass nicht Jamanka, sondern Schneider vom Trainerteam die besseren Chancen zugerechnet wurden. Die deutschen Konkurrentinnen belegten Platz vier. Das führte zu bitteren Tränen. Kurz vor den entscheidenden Fahrten hatten sich beide verletzt und konnten nicht so schwungvoll starten wie gewohnt. Es war ein Wunder, dass es dennoch fast zu Bronze gereicht hätte.

Goldmedaille wird in in Berlin gefeiert 

Bei Jamanka war der Stolz nicht zu überhören, in dieser völlig neuen Konstellation mit Buckwitz als Anschieberin gewonnen zu haben: „Wir hatten als Team nicht so viel Erfahrung und wir wollten beweisen, was wir können.“ Während sich andere zusammenraufen müssen, um als Team zu harmonieren, reichten die Tage in Pyeongchang als Teambuilding aus. Mit Platz fünf wären sie zufrieden gewesen.

Obwohl Jamanka mittlerweile in Oberhof lebt und trainiert, bleibt sie eine bekennende Berlinerin. Weil auch Buckwitz aus der Hauptstadt kommt, stand die Pressekonferenz ganz im Zeichen des Lokalpatriotismus. „Wir sind ein reiner Berliner Bob, da sind wir mega stolz drauf. Wir haben gezeigt, dass man auch vorne dabei sein kann, wenn man nicht aus den typischen Wintersportregionen kommt.“ Da ist es selbstverständlich, dass diese Goldmedaille schon bald in Berlin gefeiert wird. „Zuerst mal daheim in Reinickendorf mit Mutti“, sagte Jamanka. Anschließend soll es dann in den einen oder anderen Club gehen. „Irgendwann werde ich auf jeden Fall in der Kulturbrauerei vorbeischauen. Und dann mal gucken, wo es uns noch so hintreibt.“ Buckwitz kündigte an, es in Schöneiche erst mal ruhiger anzugehen. „Meine Uroma ist 98 und zu Hause fast gestorben, meine Eltern sind hier ausgeflippt, ich möchte mit allen was Schönes machen.“

Zunächst werden Jamanka und Buckwitz einige Tage brauchen, um zu realisieren, wie eindrucksvoll sie dieses Gold gewonnen haben. Bei den Starts lag der Schlitten deutlich hinter der Konkurrenz. Dass das neue Material des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin hervorragend über die Bahn gleitet, ist das eine. Hinzu kommt das einzigartige Fahrgefühl Jamankas, die als Tochter einer Deutschen und eines Gambiers die erste nicht-weiße deutsche Olympiasiegerin bei Winterspielen ist.

Man kann sich kaum vorstellen, dass Jamanka 2013 erst von der Leichtathletik zum Bobsport wechselte. „Ich kann mich nur bei meinem Trainer Klaus Hafner bedanken“, sagte sie, „der war damals mein Trainer und hat gesagt, ich soll es doch mal mit dem Bobfahren ausprobieren. Das hat dann ganz gut geklappt.“ Schnell merkte sie, dass es sie reizen würde, an den Lenkseilen zu sitzen. „Das erste Jahr war sehr schwierig, ich bin sehr oft gestürzt.“ 2015 startete sie dennoch zum ersten Mal im Weltcup. Sie bekam immer mehr Sicherheit und Spaß. „Es ist ein mega tolles Gefühl, wenn man in den Kurven den Druck spürt und die Geschwindigkeit und die Kontrolle darüber hat.“

Dass sie diese Kontrolle auch in einem vierten olympischen Lauf hatte, den der Bob mit nur vier Hundertsteln Vorsprung startete, sorgte bei Bundestrainer René Spies noch Minuten später für Ungläubigkeit. „Bei so einem Druck so zu bestehen, das ist unvorstellbar. Das ist ein Märchen.“ Schon über Nacht mussten die beiden mit der Bürde des Ersten klarkommen. „Ich habe kein Auge zugemacht“, sagte Buckwitz.

Dass Jamanka in einer solchen Ausnahmesituation ungewöhnlich cool reagieren würde, zeigte sich dann vor dem vierten Lauf. „Sie war da oben ganz alleine in der Umkleidekabine“, sagte Spies, „und hat als Letzte das Gebäude verlassen.“ Anders dürfte es bei den jetzt anstehenden Feierlichkeiten sein. „Da geht eine Menge“, prophezeite sie. Jetzt erinnerte sie erstmals an die sonst so extrovertierten Kollegen.