Jürgen Klinsmann.
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Berlin-CharlottenburgWer erinnert sich heute noch an den Diver? Jürgen Klinsmann zelebrierte seinen speziellen Torjubel in den 90er Jahren und wurde damit Kult bei den Tottenham Hotspurs im Londoner Norden. Der Weltklassestürmer breitete dabei seine Arme wie Adlerschwingen aus und rutschte meterweit bäuchlings über den Rasen. Die Fans gaben ihm den Beinamen Diver, der Taucher. Jetzt tauchte Klinsmann, 55, wieder in Berlin auf. Seit  einigen Tagen hat er einen Sitz im Aufsichtsrat der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA und gilt als der Bevollmächtigte des Großinvestors Lars Windhorst.

Klinsmann rast durch die Abwehr

Wenn ich an den Profi Klinsmann denke, den Welt-und Europameister, der 108 Länderspiele bestritt, habe ich einige Bilder sofort im Kopf. 1990 bei der WM in Italien raste er durch die Abwehr der Holländer und besiegte diese fast im Alleingang. 1996 nahm er als Kapitän der Nationalelf aus den Händen von Queen Elizabeth II. die EM-Trophäe entgegen. Ich war in Wembley dabei, konnte die emotionalen Anführer Klinsmann und Matthias Sammer interviewen. Als Reporter erlebte ich Klinsmann auch zuvor bei der WM 1994 in den USA. Im Februar 1995 besuchte ich ihn in London in Tottenham. Der Diver befand sich auf dem Höhepunkt seiner Popularität und erwies sich als eloquenter und charmanter Interviewpartner.

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Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab. 

Auch den wütenden Klinsmann sehe ich vor mir. Als ihn Trainer Giovanni Trapattoni beim FC Bayern 1997 gegen seinem Willen auswechselte, trat der Stürmer ein Loch in eine Werbetonne. Und noch eine Szene hat sich bei mir eingebrannt: Eine Sequenz aus dem Dokumentarfilm von Sönke Wortmann „Deutschland. Ein Sommermärchen“: Klinsmann hält als DFB-Teamchef in der Kabine eine hochemotionale Ansprache an seine Spieler. Doch nicht alles ist Klinsmann gelungen. Als Trainer des FC Bayern scheiterte er krachend. Und als Trainer der USA erlebte er in fünf Jahren einige Höhen, aber zuletzt noch mehr Tiefen.

Hertha will profitieren vom riesigen Netzwerk Klinsmanns, der in den USA, aber auch in vielen europäischen Ländern glänzende Kontakte unterhält.

Die Aufgabe bei Hertha BSC soll ihn emotional sehr gepackt haben. Dennoch stelle ich mir die Frage, was soll Klinsmann in Berlin eigentlich bewirken? Zumal er weiter in Kalifornien lebt. Nur ein wenig Glanz und Glamour in den Verein bringen, dem die überregionale Strahlkraft fehlt? Der Aufsichtsrat der KGaA von Hertha besitzt wenig Einfluss – schon gar nicht auf das operative Geschäft. Mit Klinsmann aber – das ist der eigentliche Coup - wird sich Windhorst künftig in sehr vielen Fragen beraten. Hertha will profitieren vom riesigen Netzwerk Klinsmanns, der in den USA, aber auch in vielen europäischen Ländern glänzende Kontakte unterhält.

Aus seinem direkten Umfeld heißt es, dass Klinsmann nicht nur die Mannschaft von Hertha voranbringen will, sondern den gesamten Verein. Stichwort: Internationalisierung. Er wird Begeisterung und Elan in den Klub bringen, kündigte mir ein Vertrauter des polyglotten Klinsmann an. Das kann auf keinen Fall schaden.

Votum für Niko Kovac

Auf der Mitgliederversammlung am Sonntag habe ich mich umgehört und Herthaner gefragt, ob sie sich in einer sportlichen Notlage auch den Hertha-Trainer Klinsmann vorstellen könnten? Die Mehrheit sagte: „Nein!“ Sollte der sehr engagierte Ante Covic den sportlichen Turnaround in den nächsten Wochen nicht schaffen, hat das Gros der Herthaner nur einen Wunschkandidaten als Nachfolger: Niko Kovac!