Der Ball liegt momentan nicht im und nicht auf dem Tor.
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Frankfurt am MainDer wichtigste Mediziner für den deutschen Profifußball sitzt im Saarland. Tim Meyer, Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität Saarland, steht jener medizinischen Task Force vor, die derzeit im Auftrag der Deutschen Fußball-Liga (DFL) an den Rahmenbedingungen tüftelt, wie die Fortführung eines Spiel und Trainingsbetriebs aussehen könnte. Interviews soll der langjährige Arzt der Nationalmannschaft vorerst keine geben. Dennoch ist das öffentliche Interesse groß, wie denn möglichst ab Mai die Geisterspiele in einer virenfreien Sonderzone ablaufen könnten; und wie sichergestellt wäre, dass nicht weitere Coronafälle die Saisonfortsetzung unmöglich machen.

„Machbar ist natürlich alles. Man könnte theoretisch die Spiele speziell absichern und dafür ein Programm machen“, sagte der Virologe Alexander Kekulé am Sonnabendabend im Aktuellen Sportstudio des ZDF. Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Halle/Saale erklärte, das sei für die Profis mit drakonischen Maßnahmen verbunden: Sie müssten unter „ganz besonderen Sicherheitsbedingungen“ leben, „damit man Infektionen vermeidet, weil auf dem Spielfeld unmöglich zu verhindern ist, dass sie miteinander in Kontakt kommen. Man hätte dann so eine Art spezielle Blase für die Fußballspieler.“ Jede Mannschaft müsste in eine „Spezial-Quarantäne“. Der Experte glaubt übrigens nicht, dass in diesem Jahr noch Spiele mit Publikum zustande kommen: „Im Moment sieht es nicht so aus, als könnten wir dieses Jahr ernsthaft so etwas ins Auge fassen.“

13 Klubs sollen von Insolvenz bedroht sein

Der Virologe hält die Durchführung von Geisterspielen in Erster und Zweiter Bundesliga zeitnah für möglich, die Frage sei nur, „wie man den Menschen erklärt, dass der Fußball so eine Spezialbehandlung bekommt und die Menschen in der Gastronomie, in der Reisebranche und in vielen Dienstleistungsbereichen in ähnlichen oder viel größeren Schwierigkeiten stecken, nicht. Ich weiß nicht, ob das politisch gewollt ist.“ Die DFL wird nicht nur die medizinischen Parameter, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Sonderbehandlung schaffen müssen. Die Dachorganisation steht unter Druck, ausdrücklich wurde nicht dementiert, was der Kicker meldete: 13 Klubs seien demnach noch diese Saison von der Insolvenz bedroht, falls nicht bald wieder gespielt wird. Akut bedroht sind bereits bis Juni vier Bundesligisten, Zweitligist Karlsruher SC denkt offen über Insolvenz nach.

Die Berliner Vertreter, Hertha BSC und der 1. FC Union, zählen dem Vernehmen nach nicht zu diesem Kreis. Wenngleich da wie dort der jeweilige Etat knapp zur Hälfte durch die TV-Einnahmen gedeckt wird. Im Fall von Hertha sind dies bei einem Umsatz von 140 Millionen Euro offenbar 68 Millionen Euro, bei Union bei einem Umsatz von 74,5 Millionen Euro wiederum 36 Millionen Euro. Bei den Blau-Weißen dämpft das Engagement von Investor Lars Windhorst die Sorgen, bei Union gehört vorsichtiges Wirtschaften indes zur Unternehmenskultur.

DFL-Chef Christian Seifert hatte stets betont, der Profifußball wolle keine Extrawurst gebraten bekommen – gegen diesen Eindruck stemmt sich die Liga vehement. Kekulé hat überschlagen, dass für die Spieler und deren direktes Umfeld vom Trainer, Betreuer, Zeugwart bis zum Masseur rund 20 000 Tests bis Saisonende nötig seien – derzeit schaffe Deutschland ungefähr 100 000 Tests am Tag. Eine „engmaschige, unabhängige Testung von Spielern und weiterem Personal“ lautet der DFL-Auftrag an die Task Force. Virologe Kekulé weiß: „Es handelt sich nicht um die typischen Risikogruppen, sondern es sind junge, gesunde Menschen.“ Vertretbar ist das eigentlich erst, wenn es keine Engpässe bei den Testkapazitäten und Arbeitsmaterialien gibt, die in den Laboren derzeit knapp werden.

Wirtschaftszweig mit 56 000 Mitarbeitern

Der Professor wies auf einen weiteren Widerspruch bei einer Sonderlösung für den FC Bayern bis hin zum SV Sandhausen hin: „Es gibt ja auch andere Sportarten, die betroffen sind – die würden dann zuschauen, wie die Fußballer besser behandelt werden.“ Er schlug der DFL indirekt vor, durch ein deutliches Zeichen finanzieller Art („in dem sie zehnmal so viele Tests ermöglichen, wie sie selber brauchen“) sich der öffentlichen Zustimmung zu versichern.

Dass ein Wirtschaftszweig mit rund 56 000 Mitarbeitern, davon sehr fürstlich entlohnte 500 Erstliga-Kicker, eine andere Behandlung erfährt als der Rest der Bevölkerung, würde für diesen Fall gut zu beobachten sein: Während Eltern ihren Kindern noch bis über Ostern hinaus erklären müssen, dass das Bolzen auf der Wiese mit den drei besten Kumpels untersagt ist, nehmen viele Klubs unter der Prämisse der Berufsausübung in Kleingruppen das Training wieder auf.

Nicht überall erteilen die Behörden dafür ihre Zustimmung: Bremens Innensenator Ulrich Mäurer, der ohnehin wegen des Polizeikostenstreits mit der DFL überkreuz liegt, ist nicht gewillt, dem SV Werder irgendwelche Ausnahmen zu gestatten. Sein Standpunkt: „Das ist kein gutes Signal an die Republik, das ist ein Sonderweg.“ Den richtigen zu finden, wird vermutlich zur neuen Kernaufgabe für alle Beteiligten.