Marton Dardai (r.) kommt vor Niklas Stark mit dem Kopf an den Ball. 
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BerlinDie Stimme von Bruno Labbadia ist auf dem weitläufigen Trainingsgelände von Hertha BSC gut zu hören. „Schneller, Marton!“ oder „Gut so, Marton!“, ruft der Cheftrainer. Der 18-jährige Marton Dardai gehört zu den jüngsten Talenten, die derzeit die Möglichkeit bekamen, die intensive Saisonvorbereitung bei den Profis zu bestreiten. Die Tage unter Labbadia sind lang: Vormittagstraining, meist über 90 Minuten lang, gemeinsames Mittagessen, neuerdings Mittagsruhe auf dem Vereinsgelände und erneut Training. Kondition, Technik, Taktik, Spielformen.

Marton Dardai, der Mittlere der drei Fußball spielenden Söhne von Hertha-Legende Pal Dardai, 44, fügt sich bislang gut ein ins Kollektiv der erfahrenden Profis. Er befindet sich an einer wichtigen Schnittstelle in seiner noch jungen Karriere.

Begonnen hatte alles im elterlichen Garten, wo es für die Dardais immer nur eines gab: mit dem Ball spielen, tricksen, kämpfen, Tore schießen. Pal Dardai, mit seiner Familie seit 23 Jahren in Berlin und bei Hertha BSC heimisch, erzählte einst eine Episode, wie es im Hause Dardai zugeht. Die Brüder Palko, Marton und Bence schossen sich die Bälle zu und oft im Übermut über den Zaun. Eine Nachbarin war darüber sauer und zerschnitt häufig die Bälle. Pal sagte: „Aber wir hatten sehr, sehr viele Bälle. Ich habe die Dame dann einmal zum Kaffeetrinken eingeladen und danach war alles gut.“

Wie oft die hochtalentierten Brüder noch im elterlichen Garten kicken, ist ihr Geheimnis. Viel Zeit dafür werden sie nicht haben, denn alle drei stehen im harten Training bei unterschiedlichen Mannschaften des Bundesligisten.

Palko, 21, gehört im Moment zum Aufgebot der U23, die in der Regionalliga Nordost unter Trainer Andreas „Zecke“ Neuendorf spielt. Marton, 18, aber steht im Fokus, weil er von Cheftrainer Bruno Labbadia in den Profi-Kader berufen wurde und gerade seine wohl härtesten Übungsstunden erlebt. Und der Jüngste des Dardai-Trios, der 14-jährige Bence, ist seiner Zeit und seinen Altersgenossen wieder einmal voraus und steht schon im Team der U16, die seit dem 1. Juli von seinem Vater Pal trainiert wird. Wie es Mittelstürmer und Torjäger Bence ergehen wird, wenn der eigene Vater auf dem Platz die Kommandos gibt, kann sein Bruder Palko erzählen. Fakt ist, dass Palko keine Vorteile besaß und eher strenger beurteilt wurde als andere.

Im Moment scheint es jedenfalls so, als ob Marton die besten Karten besitzt, ganz oben in den Profibereich hineinzurutschen. Chefcoach Bruno Labbadia, 54, sagt: „Marton besitzt großes Potenzial. Das sieht man sofort. Er ist ein guter Typ und hat einen Vorteil: Er kann auf zwei wichtigen Positionen spielen, in der Innenverteidigung und als Sechser. Zudem ist er ein Linksfuß. Jetzt kommt es für ihn darauf an, die Schnelligkeit im Kopf hineinzukriegen bei allen Aktionen.“

Herthas U19-Coach Michael Hartmann hatte im Vorjahr Marton in seinem Team. Er sagt: „Warum soll es Marton nicht schaffen nach ganz oben? Seine Einstellung ist top.“ Bei Zecke Neuendorf war Marton Dardai einst Kapitän der starken U17-Mannschaft und auch bei der deutschen U18-Auswahl trug er schon die Spielführerbinde. In seiner Spielweise ähnelt er am meisten seinem Vater Pal, der als robuster defensiver Mittelfeldspieler eine glänzende Karriere hinlegte. Auch Frank Vogel, der langjährige Sportliche Leiter der Hertha-Akademie, lobt Marton und sagt: „Er hat eine große Ruhe am Ball, besitzt eine außergewöhnlich gute Schlagtechnik und ein gutes Auge. Auch seine Spieleröffnung ist oft hervorragend.“ Vogel hat schon viele Talente gesehen, selbst trainiert und auf dem Weg nach oben begleitet. „Sie brauchen natürlich Zeit, um Männer zu werden.“

In Labbadias Aufgebot herrscht gerade auf den beiden Dardai-Positionen eine heftige Konkurrenz. Den Sechser vor der Abwehr wird wohl der 25-Millionen-Euro-Zugang Lucas Tousart aus Frankreich geben, und in der Innenverteidigung streiten sich Dedryck Boyata, Jordan Torunarigha, Karim Rekik und Niklas Stark um die Plätze. Marton Dardai wird sich wahrscheinlich anstellen müssen und nebenbei Spielpraxis in der U23 sammeln.

Die Entwicklungen der jungen Spieler verlaufen nicht geradlinig, was völlig normal und auch an Palko Dardai zu beobachten ist. Der elegante Flügelstürmer kam bereits im November 2017 unter seinem Vater – damals Chefcoach der Bundesligamannschaft – zu seinem Debüt im Profikader. Insgesamt wurden es in zwei Spielzeiten neun Erstligaspiele für Palko, der noch an seiner körperlichen Robustheit arbeiten muss. Als im Sommer vorigen Jahres Ante Covic als neuer Chefcoach berufen wurde und Pal Dardai ablöste, schickte Covic nach dem ersten kurzen Trainingslager den Jungprofi Palko zusammen mit Muhammad Kiprit und Denis Jastrzembski zurück zur U23, sicherlich ein Einschnitt und Rückschritt für den Ältesten der Dardai-Jungs. Trainer Michael Hartmann, unter dem Palko im Mai 2018 den Titel des Deutschen Meisters der A-Jugend feiern konnte, sagt nun: „Das letzte Jahr ist nicht optimal für Palko gelaufen. Es gehört für alle jungen Spieler auch ein Quäntchen Glück dazu, ob und wann sie oben ankommen und sich vielleicht etablieren können.“

Es bleibt auf jeden Fall spannend, die Entwicklung der drei Dardai-Brüder zu beobachten. Palko verriet einst einen seiner Träume: „Ich würde gerne einmal mit meinen beiden Brüdern Marton und Bence gemeinsam im Olympiastadion auflaufen.“ Ganz unmöglich erscheint das nicht, aber der Weg dahin ist sicher lang und steinig.