Das Wembley-Stadion wird mit 90 000 Fans zum Hexenkessel.
Foto:  Paul Marriott/imago

LondonHimmlischer Beistand vor Betreten des heiligen Rasens kann ja nicht schaden. Und so haben die deutschen Fußballerinnen vor einem besonderen London-Wochenende noch schnell eine inspirierende Begegnung eingeschoben. Der Besuch bei den Ordensschwestern im Klarissenkloster der Wallfahrtsstadt Kevelaer am Niederrhein lag Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg am Herzen, um sich für die Unterstützung während der Frauen-WM zu bedanken. Geholfen hat es ihrem Team in Frankreich bekanntlich nicht viel, aber vielleicht verleiht die Stippvisite ja für den stimmungsvollen Abschluss eines „facettenreichen Jahres“, wie Voss-Tecklenburg 2019 beschreibt, noch einen Schub.

Der Klassiker England gegen Deutschland im Wembleystadion (Sonnabend 18.30 Uhr MESZ/  Eurosport) sprengt für den Frauenfußball fast alle bisher bekannten Dimensionen. Vor fünf Jahren lockte die Partie bereits 45.619 Menschen an, nun wird es fast die doppelte Zahl sein. Alle 90.000 Tickets hat die Football Association (FA) abgesetzt. Der zweitgrößte Zuspruch weltweit überhaupt, beim Frauenfußball nur hauchzart übertroffen von den 90.185 Besuchern, die 1999 zum WM-Finale USA gegen China in die Rose Bowl von Pasadena strömten.

Mehr Zuschauer als die Männer

"Es ist für alle etwas ganz Besonderes“, versicherte Voss-Tecklenburg und klang dabei fast ein bisschen aufgeregt. „Dass wir vor so einer Kulisse spielen dürfen, ist ein Geschenk. So etwas haben die Spielerinnen noch nicht erlebt“, sagte die 51-Jährige. Ihre Maßgabe: „Frei von dem Ergebnisdruck wollen wir zeigen, dass wir eine tolle Mannschaft haben.“ Die wird übrigens von Alexandra Popp angeführt, die sich nur zwei Wochen nach einem Außenbandriss wieder fit gemeldet hat.

Dass wir vor so einer Kulisse spielen dürfen, ist ein Geschenk. So etwas haben die Spielerinnen noch nicht erlebt

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg

Vermutlich werden alle anfangs erst einmal staunen, wenn sie die vollen Ränge in der Kultstätte des englischen Fußballs erspähen. Die Erklärung, dass ein Freundschaftsspiel mit Powerfrau Lucy Bronze nur durch die verbilligten Eintrittspreise – Jugendliche bezahlten ein Pfund, Erwachsene maximal 20 Pfund – mehr Interessenten anlockt als ein EM-Qualifikationsspiel mit dem Vorzeigemann Harry Kane an selber Stelle, greift definitiv zu kurz. Geschicktes Marketing, sportliche Erfolge und nicht zuletzt die Ausrichtung der Frauen-EM 2021 in England haben das Interesse sprunghaft steigen lassen.

Verband, Vereine, Medien und Sponsoren unterstützen sich in produktiver Wechselwirkung. „Solch ein Turnier löst etwas aus“, glaubt Voss-Tecklenburg und erinnert an den Hype, der Deutschland vor der Frauen-WM 2011 durchzog. Tatsächlich wirkt der Boom ganz ähnlich: Die Bank Barclays investiert in die Women’s Super League (WSL) die nächsten Jahre einen zweistelligen Millionenbetrag, die BBC vermeldete bei der Frauen-WM in Frankreich Einschaltquoten im zweistelligen Millionenbereich.

Vorbildliche Engländer

DFB-Direktorin Heike Ullrich blickt fast neidvoll auf die Insel. „Das wünsche ich mir auch für Deutschland:  Die Anerkennung und Wertschätzung, bei der kein Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball gemacht, sondern beides als attraktives und anspruchsvolles Angebot gesehen wird. Gerade bei der gesellschaftspolitischen Verankerung des Frauenfußballs sehe ich bei uns noch Potenzial, das machen die Engländer vorbildlich.“ Bemerkenswerte Töne in Brexit-Zeiten.

Und während sich England als WM-Vierter für das Olympische Fußballturnier qualifizierte (als Vertreter Großbritanniens), bleibt Deutschland wegen des frühen Viertelfinalausscheidens als amtierender Olympiasieger nächsten Sommer außen vor. Auch die Liga ist auf der Überholspur, vermeldete an den ersten fünf Spieltagen 117.000 Zuschauer –  zu drei Auftaktevents strömten jeweils mehr als 20.000 Interessierte in die großen Stadien von Manchester City, FC Chelsea und West Ham United. Das sei zwar nicht die Regel, erklärt die bei Manchester City angestellte Nationalspielerin Pauline Bremer, aber die Signale kommen an.

In der Frauen-Bundesliga liegt der Schnitt nach neun Spielrunden bei nach wie vor bescheidenen 990 Besuchern, und von Aufbruchsstimmung ist entgegen vieler Beteuerungen wenig zu spüren, weil der VfL Wolfsburg an der Spitze einsam seine Kreise zieht.

Bei Frauen-Länderspielen herrscht hierzulande ähnliche Stagnation: Fünfstellige Zuschauerzahlen sind längst die Ausnahme geworden. Zu den EM-Qualifikationsspielen gegen Montenegro (10:0) und die Ukraine (8:0) kamen zuletzt 6.275 Besucher ins Kasseler Auestadion beziehungsweise 5.504 Zuschauer an den Aachener Tivoli. Voss-Tecklenburg regt in enger Abstimmung mit dem Verband an, pro Jahr künftig „ein oder zwei Highlight-Spiele in größeren Stadien zu organisieren“.

Eine hochrangige DFB-Delegation mit dem neuen Präsidenten Friz Keller an der Spitze wird sich nun in London mit den FA-Funktionären austauschen. Aber selbst die Bundestrainerin warnt vor überzogenen Erwartungen: „Wir werden nicht heute auf morgen in die gleiche Richtung steuern.“