Demonstrative Geschlossenheit: Der DFB-Bundestag ist erstmals virtuell im Internet zusammengetreten.
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Frankfurt a. M.Die Erleichterung war den Protagonisten auch über die Monitore anzusehen. Normalerweise erhalten Spitzenfunktionäre auf einem Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Zustimmung über die grünen Stimmkärtchen, die vor ihren Augen in die Höhe gereckt werden. Nun allerdings tickten erst 60 Sekunden herunter, ehe ein Abstimmungsergebnis aufleuchtete.

Dass der mächtige Vizepräsident Rainer Koch nach dem ersten virtuellen Bundestag in der 120-jährigen Geschichte von einem „tiefen Durchatmen“ berichtete, war nicht nur dem reibungslosen organisatorischen Ablauf zu verdanken: Auch in der digitalen Welt wendete der DFB das schlimmste Szenario für seine höchste Spielklasse ab: Eine überwältigende Mehrheit von 95 Prozent der 253 Delegierten stimmte für eine Saisonfortsetzung der 3. Liga.

Damit ist auch formal der Weg geebnet, das Sorgenkind wie geplant bereits am Pfingstwochenende ins Fahrwasser der beiden Lizenzligen zu bringen. „Das klare Votum hat gezeigt, dass die Lautesten nicht immer Recht bekommen“, kommentierte Präsident Fritz Keller, der von „gelebter Demokratie“ sprach. „Wir haben Handlungsfähigkeit bewiesen. Ich appelliere an alle, dass die Tricks aufhören.“

Er habe selbst drei Abstiege mit dem SC Freiburg erlebt und forderte die Drittligisten auf, die Signale zu akzeptieren. Er würde sich generell wünschen, führte der südbadische Gastronom aus, wenn alle wieder „bei einer Wurst und einem Bier“ auf dem Fußballplatz stehen könnten.

Für einen späteren Saisonabbruch der 3. Liga wurde der DFB-Vorstand ermächtigt, Regelungen für Auf- und Abstieg sowie Änderungen des Wettbewerbsmodus‘ zu treffen. Im Eilverfahren wurde der Spielleiter ermächtigt, einzelne Partien binnen 72 Stunden anzusetzen. Zwölf Nein-Stimmen und 16 Enthaltungen auf dem Bundestag gaben die Zerrissenheit zwischen den Vereinen nicht annähernd wider. Da Koch die wichtige Mehrheit fürs Weiterspielen zustande brachte – derselbe Beschluss für die Frauen-Bundesliga war wenig später nur Formsache – , kamen die Anträge des Sächsischen Fußballverbandes und aus Sachsen-Anhalt auf Abbruch gar nicht erst zur Abstimmung.

Dritte Liga bleibt eingleisig

Klar fiel auch das Ansinnen des Saarländischen Fußballverbandes durch, die eingleisige 3. Liga in zwei Staffeln mit je 18 Vereinen aufzuspalten. Der Ausschussvorsitzende Tom Eilers hatte gewarnt: „Wir zerstören dann noch das gute sportliche Bild. Und wenn wir die Liga aufblähen wird sie nicht besser, sondern schlechter vermarktbar.“ Zur besseren wirtschaftlichen Stabilität ist eine eigene Task Force ins Leben gerufen worden.

Koch äußerte  keinerlei Verständnis dafür, dass die DFB-Zentrale „mit Anwaltsschreiben bombardiert wird“. Wenn die Bundesländer mehrheitlich den Spielbetrieb erlauben würden, „können wir nicht abbrechen.“ Der mit Rechtsfragen vertraute Multifunktionär erwartet dennoch weitere „juristische Auseinandersetzungen“.

Generalsekretär Friedrich Curtius äußerte sich „verhalten optimistisch“, dass auch die Bundesländer mit bislang ablehnenden Verfügungslagen noch umgestimmt werden könnten. Eine besondere Handhabe gegen sich verweigernden Drittklässlern hat der Verband insofern, dass die Spielordnung dann hergibt, bei Nicht-Antreten das Spiel als verloren zu werten, wie Curtius erklärte.

„Den Anspruch spielen zu wollen, sollten alle Profiligen haben – auch jene innerhalb des DFB“, sagte Peter Peters als zweitmächtigster Funktionär der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Liga-Chef Christian Seifert trat nicht ans Rednerpult, bekam aber von DFB-Chef Keller ein dickes Lob ausgesprochen, das gemeinsam entwickelte Hygiene- und Sicherheitskonzept bislang so störungsfrei durchzubringen: „Wenn die Sonne scheint, können viele glänzen. Wenn der Wind weht, nur die wenigsten.“

Ein Sturm braut sich über dem größten Einzelsportverband in finanzieller Hinsicht zusammen. Schatzmeister Stephan Osnabrügge machte eindringlich deutlich, dass die Pandemie die fetten Rücklagen von einst 150 Millionen Euro auffrisst. Der DFB befinde sich in der „tiefsten wirtschaftlichen Krise seiner Existenz“.

77 Millionen Euro Verlust drohen

Sollten alle negativen Szenarien eintreten, könnte das bis zu „einer potenziellen Existenzgefährdung“ gehen. Allein 106 Millionen hätten 2020 die Sponsoringeinnahmen bringen sollen, fast 60 Millionen wären im Normalbetrieb durch den Spielbetrieb A-Nationalmannschaft geflossen, weitere 10 Millionen durch den DFB-Pokal. Für die im März abgesagten Länderspiele in Spanien und gegen Italien haben noch Ausfallversicherungen gegriffen, die aber nicht mehr für die von der Uefa auf unbestimmte Zeit verschobenen Pflichtspiele gelten.

Sollten keine Länderspiele bis zum 31. Dezember 2020 stattfinden, würde der DFB unter dem Strich satte 77 Millionen Verlust machen. Ein Baustopp der neuen Akademie käme nicht infrage, erklärte Osnabrügge. Die für das Leuchtturmprojekt veranschlagten 150 Millionen werden in Corona-Zeiten zur immensen Belastung. Sollte die Krise wirklich bis Jahresende die Auswahl von Joachim Löw zur Untätigkeit verdammen, wäre von einer mal zum Jahresende geplanten freien Rücklage von 43 Millionen nichts mehr übrig. Schlimmer noch: Der einst so reiche DFB wäre plötzlich mit 13 Millionen im Minus – und müsste einen Nachtragshaushalt beschließen.