Die Unioner wollen auch in der Rückrunde zusammen feiern.
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BerlinNach hinten blicken ist vielleicht nicht so gut. Obwohl das vorige Jahr doch ein ausnehmend gutes gewesen ist für den 1. FC Union. Das mit dem Zurückblicken ist nur des letzten Eindrucks wegen. Es geht allein um den Dezember allgemein und um den 4. Advent speziell. Um genau diese Tage nur, um die letzten von 2019, die wenigen, die nicht ganz so erfolgreich waren wie die meisten anderen. Die hängen mir noch immer ein wenig in den Kleidern. Dieses 1:2 in Düsseldorf will und will mich nicht loslassen. Stellen wir uns nur mal vor, es hätte einen Dreier gegeben, der ja möglich war: Es gäbe nicht einen Fünf-Punkte-Vorsprung auf den Relegationsrang, sondern einen mit neun Zählern, denn nicht die Fortuna läge auf Rang 16, sondern Bremen. So ein Polster hätte durchaus was von Boxspringbett.

Andererseits: Träumen, dazu gehört auch Wunschdenken, ist wahrscheinlich genau so wenig angebracht wie nach hinten schauen. Und: Die jetzige Situation ist eine, die wohl mehr die Sinne schärft als das Verweilen in einer Komfortzone oder das Kuscheln auf einer Matratze mit individuellem Härtegrad.

Berliner Zeitung
Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab

Der Kopf ist für Union wichtig

Oft schon habe ich erlebt, dass die Spannung rapide nachlässt, wenn man sich schwebend auf Wolke 7 wähnt. Oder die Klasse und die Technik nur daraus ziehen möchte, weil man das vielleicht schickere Trikot trägt als der Gegner, was mir vor allem in meinen ganz jungen Jahren als Spieler aufgefallen ist, dass nämlich meist diejenige Mannschaft gewonnen hat, die in den ausgewaschenen, den eher ausgebleichten Klamotten aufgelaufen ist. Die einen fühlen sich als unschlagbar, die anderen dagegen spielen so und sind es dann tatsächlich. Nach dem Motto: Sollen die in ihrem feinen Zwirn (oder mit dem vielen Schotter) mal kommen, denen werden wir es schon zeigen.

Der Kopf ist ganz wichtig, wenn nicht entscheidend. Das nicht mal in dem Sinne, dass man mit ihm auch Tore erzielen kann. Sondern überhaupt.

Es braucht noch mal 20 Punkte

Das ist im großen Fußball nicht anders. Heute Weltmeister, bei nächster Gelegenheit Kreismeister. Wie viele Titelverteidiger haben, obwohl mit mindestens den Ansprüchen angetreten, erneut die Trophäe zu gewinnen, bei der nächsten Weltmeisterschaft regelrechte Grütze gespielt. Deutschland ist es nicht allein so gegangen, auch Spanien, Frankreich und selbst Brasilien können ein Lied davon singen. Das liegt nicht mehr an den Leibchen, den schönen oder schnöden. Im Zeitalter von Authentic-Trikots in Pinselstrichoptik mit eingebauter Durchlüftung punkten damit alle.

Spaß beiseite und Häme auch. Deshalb wünsche ich mir für das neue Jahr, erst einmal natürlich für das erste halbe Jahr, die Rückrunde in der Bundesliga, das, was mit den geflügelten Worten auch auf Väter und Meister zutrifft. Das oder jenes zu werden ist nicht schwer, das oder jenes zu sein dagegen sehr. Auf die Eisernen gemünzt soll das heißen: Aufsteigen war das eine, drinbleiben ist das andere. Deshalb macht es noch einmal so wie von August bis November.

Dafür wiederum bietet das neue Jahr eine einmalige Vorlage, die steiler nicht sein kann. 2020 soll es nach den 20 vom Herbst wie viele Punkte geben? 20 natürlich! Das würde alle rund um die Alte Försterei wahnsinnig froh machen.

Wer diese Vorlage verwandelt, ist wurscht. Nur, Jungs, macht sie irgendwie rein. Ein Tor des Monats kann, muss es aber nicht sein. Dann blicke auch ich nie wieder zurück.