Spontane Feier von Fans und Spielern lange nach Spielschluss auf der Hauptstraße vor dem bzw. der Einfahrt zum Stadion. Präsident Dirk Zingler (1. FC Union) hielt eine kurze emotionale Ansprache.
Foto: Matthias Koch

BerlinEs hat das Zeug zum Union-Wort des Jahres. Urs Fischers immer wieder gern benutztes „Schlussendlich“ ist die treffliche Zusammenfassung des ersten eisernen Bundesligajahres in einem Wort. Hoch oben über den Köpfen flimmerte es nach dem Klassenerhalt sichernden 1:0 gegen Paderborn auf der Anzeigetafel im gähnend leeren Stadion An der Alten Försterei, während die Spieler des 1. FC Union noch etwas bedröppelt auf dem Rasen rumstanden und noch nicht so recht wussten, wohin mit ihrer Freude. 

Man muss den Text- und Grafik-Designern bei den Köpenickern an dieser Stelle ein Kompliment machen. So wie das Team von Urs Fischer eine grandiose Leistung in ihrem Bundesliga-Premieren-Saison hingelegt hatten, ist ihnen mit dem Slogan ein Meisterstück gelungen. „SCHLUSS“ stand da in roten Großbuchstaben auf den T-Shirts der Kicker, das weiß gehaltene „ENDLICH“ darunter zeugte davon, wie viel Kraft diese Sensation (O-Ton Fischer) dann doch gekostet hat. 

Die eigens für den historischen Augenblick kreierten Bekleidungsstücke waren unmittelbar nach Abpfiff zur Stelle, die unter normalen Umständen zu erwartenden Emotionsausbrüche, glänzten zunächst mit Abwesenheit. Und während sich die eisernen Profis noch irgendwie gegenseitig ein wenig herzten, schnappte sich Presse- und Stadionsprecher Christian Arbeit den Spielball und transportierte ihn aus dem Innenraum. „Der kommt ins Museum“, verriet der ehemalige Lang-Haar- und Bartträger. Ehemalig, weil nach dem Aufstieg vor rund einem Jahr seine Lockenpracht der Schere zum Opfer gefallen war und dieses Mal in der sich stetig steigernden Partylaune seine Manneszier daran glauben musste. 

Manch einer hätte den Verlauf des Abends auch als eine Gefährdung des Bruttosozialproduktes ansehen können. Es knallte heftig. Drinnen wie draußen, wo sich rund 100 Anhänger der Köpenicker vor den Stadiontoren versammelt hatten und nicht nur freudetrunken auf die Mannschaft warteten. „Natürlich ist es auch für die, die gerade da hinten ein Feuerwerk zünden eine Riesensache, wenn dieser Verein jetzt ein zweites Jahr in die Bundesliga geht“, versuchte Manager Oliver Ruhnert noch im Stadion zu Wort zu kommen und ein Resümee zu ziehen. Seine Worte gingen im lauten Geknalle der Silvesterraketen teilweise unter. 

Dazu hätte es nicht mal eines Partybefehls von oben bedurft. Doch der kam  von Dirk Zingler höchst selber. „Ich verrate nicht, wie wir feiern, aber wir feiern“, meinte der 55 Jahre alte Klubpräsident. Wobei allerdings mit zunehmendem Genuss einiger hopfenhaltiger Getränke einer lokalen Brauerei die vornehme Zurückhaltung auf allen Seiten verflog. Vielleicht zum Leidwesen von Ruhnert, der analog zu Fischer die leise Hoffnung auf ein weniger ausuferndes Miteinander geäußert hatte. „Jetzt wird gefeiert, aber nur so, dass wir die 40 Punkte, die wir anstreben, noch erreichen können“, meinte Ruhnert und verriet damit en passant das ambitionierte Saisonziel, das sich das Team vor dem Ligastart im Trainingslager in Österreich selbst gesteckt hatte. 

Jubel nach dem Klassenerhalt, Trainer Urs Fischer genießt das Bad vor der Menge.
Foto: Matthias Koch

Auch Zingler selber wurde vom Augenblick überwältigt. „Mit dem Schlusspfiff endete erst mal eine 45-minütige Qual. War ja nicht schön. Aber ich habe es nicht anders erwartet. Weil dann spielt der Kopf mit, du willst den Deckel drauf machen und es funktioniert nicht“, meinte der Union-Boss und ergänzte: „Insgesamt ist es eine sensationelle Saison. Corona ist uns ein bisschen dazwischengefahren. Wir hatten eine Menge Spaß und plötzlich war der vorbei, danach begann nur noch die Pflicht. Ich finde, das wir beides gut hinbekommen haben. Das macht mich ein bisschen stolz.“

Union-Fans feierten bis weit nach Mitternach

Später wurde er vor der Einfahrt zum Parkplatz, wo die Fans bis weit nach Mitternacht ausharrten und das Ausfahren vom Gelände in ihrer überbordenden Freude nicht so einfach machten, noch deutlicher. „Diese Saison haben wir für euch gespielt. Für euch! Diese Saison ist uns weggenommen worden. Die Jungs, die heute  auf dem Rasen gestanden haben, haben genau daran gedacht. Für euch noch eine Bundesligasaison zu spielen“, schmetterte Zingler den Fans entgegen, im Stil eines Wahlkampfredners auf dem Marktplatz. 

Lautes Gejohle war ihm ebenso sicher wie auch beispielsweise Innenverteidiger Keven Schlotterbeck, der im weiteren Verlauf des Abends aber angesichts seiner frisch verpassten Glatze auf den Straßen Schöneweides vom kaum noch einem als eiserner Abwehrchef wiedererkannt worden wäre. Gut, dass Anthony Ujah den Scheer-Moment in seiner Instagram Story für die Nachwelt festgehalten hat. So wird der Schock  für die Öffentlichkeit heute halbwegs erträglich.

Selbst der sonst so zurückhaltende Urs Fischer genoss das Bad vor der Menge. Auch wenn ihm die persönlichen Huldigungen ein bisschen zu viel wurden. „Singt weiter. Singt einfach mal weiter“,  versuchte er die Fischer-Sprechchöre einzudämmen, die ihm entgegenschallten. Dieses komische Gefühl („Die Mannschaft ist am Feiern in der Kabine. Da fehlen die Leute, unsere Zuschauer“), das ihn unmittelbar nach dem Abpfiff beschlichen hatte, war endgültig der ungehemmten Freude gewichen. 

Altes Saisonziel: 40 Punkte. Neues Ziel: Hertha schnappen

Nein, in Köpenick hat man noch lange nicht genug. Fischer wähnte sich dann auch gleich wieder in die Defensive gedrängt, als er mit Blick auf die Tabelle nach dem Stadtrivalen befragt wurde, der derzeit punktgleich im Ligaranking unmittelbar vor den Eisernen liegt. „Das ist doch jetzt erst einmal unser Moment, lasst ihn uns genießen und nicht als erstes gleich wieder den Vergleich mit Hertha bemühen“, meinte der Schweizer und schob dann doch nach: „Schauen wir mal, was dann aber in zwei Tagen vielleicht ist. Weil man dann weitersehen kann, ob wir sie vielleicht noch überholen.“

Die Blau-Weißen haben mit Gladbach und Leverkusen ein schweres Restprogramm. Union hingegen kann in Hoffenheim und dann gegen Düsseldorf noch einiges zugetraut werden. Vor Hertha in der Liga einkommen? Wäre wohl die Krönung eines sensationellen Jahres. Und wohl auch historisch. Denn angesichts der vielen Millionen, die Lars Windhorst in den Klub pumpt und der Hertha Transfer in Größenordnung ermöglicht, wird sich die Option in den kommenden Jahren eher nicht noch mal ergeben.