Ein Moment zum Genießen: Union-Kapitän Christopher Trimmel freut sich über den Erfolg seines Teams und Platz elf in der Bundesliga-Tabelle.
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Berlin-KöpenickGeht es um Zahlen, heißt es gern, dass die nicht lügen. Das stimmt nicht immer, oft aber doch. Im Fall des 1. FC Union geht das so: drei Siege in den vergangenen vier Ligaspielen, 13 Tore erzielt (Hoffenheim hat nur drei mehr), 17 Tore kassiert (die Bayern haben nur eines weniger!), Platz 11 und – am wichtigsten – mit sechs Zählern Differenz auf Mitaufsteiger Köln, den Vorletzten, ein brauchbares Polster auf einen direkten Abstiegsplatz. Das hat was!

Zur Feier der Tage rund um den 30. Jahrestag des Mauerfalls bin ich angesichts des zarten Höhenflugs der Rot-Weißen ein klein wenig der Nostalgie verfallen. Immer wieder frage ich mich, obwohl ich es ja weiß: Woher kommen die Eisernen und wie verliefen diese 30 Jahre?

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Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Diese Geschichte ist eigentlich ein Film. Vielleicht eine Serie, manchmal ein Krimi (vor dem Kadi sind Entscheidungsträger ja gelandet), ein regelrechtes Rührstück (wo sonst lassen so viele Fans für ihren Verein alles andere stehen und liegen?), Klamauk ist auch dabei (in Vor-Dirk-Zingler-Zeiten waren manche Bosse nahe daran, sich die Augen auszukratzen), selbst ein softiger Porno hat sich angedeutet (gab es da nicht einmal eine „Titten-Torte“, von einer ziemlich schwergewichtigen leichten Dame zum Auswärtsspiel in Stendal spendiert?), derzeit jedoch fließt alles über in gegenseitige Zuneigung. Kein schlechter Stoff.

Eine gefühlte Ewigkeit in Liga 3

Na ja, als es mit dem Mauerfall um die Wurst ging, um die Plätze in Bundesliga und 2. Bundesliga, waren die Eisernen nicht auf der Höhe der Zeit. Aus der DDR-Liga als Zweiter nicht aufgestiegen, Hoffnungsrunde vergeigt, in Liga 3 für eine gefühlte Ewigkeit kleben geblieben. Den Rest mit Lizenzentzug, verweigerter Lizenz, Absturz in Liga vier und dem mühsamen Marsch zurück ins Rampenlicht kennen alle, Junge, Alte, ganz Junge, ganz Alte. Man könnte sagen: Auferstanden aus Ruinen …

Das ist eine Story, die alles andere ist als normal. Noch verrückter wird sie, wenn ich sie umgekehrt, also nach hinten, denke. Welche Mannschaften waren vor 30 Jahren oben dabei und sind jetzt im sportlichen Jenseits? Noch wichtiger: Wer hat es geschafft, sich aus der Schmuddelecke (Stichwort gefälschte Bankbürgschaft) rauszuziehen und doch auf der ganz großen Bühne zu erscheinen? Niemand! Außer Union.

Wer hat es geschafft, sich aus der Schmuddelecke rauszuziehen und doch auf der ganz großen Bühne zu erscheinen? Niemand! Außer Union.

Viele andere, einst Sterne oder Sternchen, sind verglüht. Die SG Wattenscheid, zwei Tage nach dem Mauerfall mit dem späteren Union-Trainer Uwe Neuhaus als Spieler im Olympiastadion bei Hertha BSC und mit den Blau-Weißen in die Bundesliga aufgestiegen, ist jüngst in Insolvenz gegangen. Einige andere spielen in der 3. Liga. Was aber ist mit Saarbrücken, Homburg, den Kickers aus Stuttgart? Was mit Aachen, Cottbus, was mit Ulm, vor 20 Jahren für eine Saison dabei?

So kann es auch gehen. Aus diesen Niederungen sind die Eisernen gekommen, sie waren nicht nur in den Augen vieler der sprichwörtliche Dreck, ihnen ist es in der Tat dreckig gegangen. Somit ist das, was in Köpenick passiert ist, ein Traum. Vielleicht, sogar gelebte, auch gequälte, deutsche Einheit.

Recht jedenfalls hat einer, wahrscheinlich aus Versehen, aber zumindest was die Alte Försterei betrifft, der damals blühende Landschaften versprach. Insofern hätte es viel besser nicht laufen können. Zumindest für den Moment. Doch der darf angesichts von Tabellenplatz 11 noch ein wenig andauern.