Union-Boss Dirk Zingler.
Foto: Matthias Koch

BerlinDirk Zingler hat, so viel ist selbst in diesen irrwitzigen Zeiten klar, Humor. Manchmal, scheint es, hat der Präsident des 1. FC Union sogar denselben Humor wie ich. Das liegt wahrscheinlich gar nicht daran, dass auch ich ja im Grunde meines Herzens ein Unioner bin. Nicht oft, manchmal aber schon, hatten wir in der Kabine oder auf dem Trainingsplatz nämlich einen anderen Witz als heute. Zumindest aber denkt der eiserne Macher in manchen Sachen so um die Ecke, dass ich glauben könnte, wir hätten uns abgesprochen.

Das, worauf ich hinauswill, ist so verrückt wie einmalig. Immer, wenn die Eisernen sich auf etwas ganz Außergewöhnliches freuen, wenn sie etwas für ihre Ansprüche schier Unmögliches gepackt haben, schrillen wenig später die Alarmglocken, ach, schlimmer, werden die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert. Es gibt ein pandemisches Wackeln auf dem Globus wie diesmal mit Corona, es gab gravierende politische Verwerfungen und, so viel Ehrlichkeit sollte sein, auch ein hausgemachtes Szenario, das den Verein dennoch an den Rand seiner Existenz geschwemmt hat.

Wäre all das nicht so ernst und teilweise gallebitter, könnte man seine Scherze drüber machen. Zum Beispiel so: Da bittet ein junger Kerl, das erste Mal bis über beide Ohren verknallt, seine Liebste zu sich nach Hause, um sie seinen Eltern vorzustellen. Die freuen sich wie wild und laden dazu auch die Großeltern ein. Kaum sind die notwendigsten Anstands-Floskeln gewechselt und die Blicke Richtung Tür gerichtet, um endlich allein zu sein, flöten Mama und Papa: Wie schön, Oma und Opa freuen sich wie Bolle auf eine Partie „Mensch ärgere dich nicht!“ mit Euch.

Die Freude ist im Eimer, obwohl die Gründe für die gefühlte Katastrophe bei den anderen liegen.

Probleme zu Ostzeiten

Im Falle des 1. FC Union gibt es bei den ersten Malen verschiedene Spielverderber oder Querulanten. 1968, der Triumph im FDGB-Pokal löst eine Welle der Euphorie aus, ist es der Ostblock, der mit dem Einmarsch in Prag den dortigen politischen Frühling erstickt und mit seinen Panzern nahe am Krieg balanciert. Die erste Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb, dem der Pokalsieger, bringt für die Eisernen mit einem Gegner aus Jugoslawien eine zunächst durchaus machbare Hürde. Nur wird diese Auslosung auch deswegen annulliert, weil manche Westeuropäer sich weigern, hinter den Eisernen Vorhang zu reisen. Nach der zweiten Auslosung, in der die Osteuropäer unter sich bleiben und die die Köpenicker nach Moskau führen soll, gibt es einen staatlich verordneten Rückzug.

Das erste Mal im Europapokal ist also futsch, es wird von der Politik regelrecht in die Tonne getreten.

Foto: Berliner Zeitung
Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Satte 33 Jahre und viele Spielergenerationen warten die Eisernen auf ihr zweites erstes Mal in Europa. Wieder nichts! Wieder stürzt was dazwischen, die Zwillingstürme in Manhattan. Das Spiel bei HJK Helsinki, wohin der eiserne Tross bereits gereist ist, wird verschoben.

Nun also das dritte erste Mal, ein Heimspiel in der Bundesliga gegen Bayern München, die Nummer 1 in Deutschland, der Krösus. Wer auch immer den Traum von der Bundesliga hatte, hatte auch diese Sehnsucht: Endlich die Bayern in der Alten Försterei erleben!

Ist das ein Fluch?

Schon wieder nichts. Ist das ein Fluch?

Allerdings ist da auch ein weiteres erstes Mal, das den Rot-Weißen 26 Jahre danach zwar nicht mehr ganz so übel aufstößt, das ihnen trotzdem in den Klamotten hängt: die gefälschte Bankbürgschaft. Ach ja, mag mancher meinen, wegen damals einer Million D-Mark aus der 2. Bundesliga geworfen zu werden, welch eine Schmach. Auch das war vorher noch nie jemandem passiert. Damals ging’s an die Ehre und, ja, vor allem an die Existenz.

Was kann also noch passieren? Ein Tor ist in der Alten Försterei noch nicht umgefallen. Das aber zählt nicht. Denn damit wären die Eisernen ja nicht die Ersten.