Die Eisernen halten zusammen - auf und neben dem Rasen.
Foto: Matthias Koch

BerlinFamilie ist ein hohes Gut. Das höchste vielleicht, das die Menschen kennen, gemeinsam mit Gesundheit wahrscheinlich. Selbst bei Sonnenschein und gefühlt 28 Grad ist Zusammenhalt elementar wichtig. Das mag einfach sein, wenn es flutscht und ausnahmslos nette Momente dem Tag einen Rahmen geben, wenn die jüngste Tochter im Kindergarten die Knobelaufgabe als erste löst oder der älteste Sohn als einziger im Schuldiktat fehlerfrei bleibt.

Das sind gerade schlechte Beispiele, ich weiß, Kindergarten ist nicht und Schule auch nicht. Die Familie aber bleibt und mit ihr der Zusammenhalt. Selbstverständlich auch dann, besser: gerade dann, wenn die Knobelaufgabe so gar nicht lösbar scheint und im Diktat alle Finger einer Hand herhalten müssen, um die ganze Wucht der Note wiederzugeben. Familie, wie ich sie verstehe, zeigt sich von ihrer wertvollsten Seite erst dann, wenn es anfängt, kompliziert zu werden.
Genau in Zeiten wie diesen also, in denen vieles nicht mehr ist wie noch vor sechs Wochen und in denen das Wort Solidarität so oft fällt wie nicht einmal das Wort Tor bei einem zweistelligen Ergebnis. Jetzt, da die Familie derart zusammenstehen muss, als gelte es, auch das schwächste Mitglied auf Höhe aller zu heben. Ist die Familie stark genug, das zu stemmen? Und: Hat die Gemeinschaft das Wort Familie überhaupt verdient?

Foto: Berliner Zeitung
Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Der 1. FC Union rühmt sich von jeher, eine solche Familie zu sein. Das hat, darauf sind sie in der Wuhlheide besonders stolz, nicht einmal was mit dem Erfolg auf dem Spielfeld zu tun. Ihr Verständnis von Familie ist Liga-unabhängig, auch wenn sich Feste in der höchsten Spielklasse mit viel mehr Aufmerksamkeit und prominenterem Besuch feiern lassen.

Union als Ersatzfamilie

Klare Sache, dass die Familie die engste Solidargemeinschaft ist. Wer viel hat, sollte viel geben. Umgekehrt gilt das ebenso. Auf den Profifußball bezogen heißt das: Die Spitzenverdiener (müssen!) geben, die Ärmsten (dürfen!) nehmen. Die meisten machen dabei mit, auch in Köpenick. Wer sich dabei ziert, ist ein Lump. Zumindest ein moralischer.

Wie sich die eiserne Familie gibt, habe ich am eigenen Leib erfahren. Als ich 1975 mit wenig Ahnung vom anspruchsvollen Sport (ich kam aus der Bezirksklasse, der damals vierten Liga) in der Alten Försterei anklopfte und in mancher Situation ob meiner Naivität vielleicht sogar Häme angebracht gewesen wäre, spürte ich Wärme. Ingeborg Lahmer, damals der gute Geist im Sekretariat, empfing mich wie eine Mutter. „Junge“, hat sie zu mir gesagt, „du bist ja ganz allein in Berlin. Wenn du mal nach Hause telefonieren möchtest, komm zu mir, wenn der Trainer nicht da ist …“

Ich war dankbar, auch wenn es dazu nicht kam, meine Eltern hatten nämlich gar kein Telefon. Dafür bekam diese gute Fee mit, dass ich eine Leseratte war, und sie brachte mir regelmäßig Bücher mit. Eines, wie peinlich, habe ich weiterverborgt und nicht wiederbekommen. Die Antwort auf meine Beichte: „Mein Mann wollte dich schon immer mal kennenlernen. Komm doch mal auf einen Kaffee zu uns.“ Sie hatte sogar einen Kuchen gebacken. Familie, wie sie im Buche steht.

Jammerschade, dass Frau Lahmer im vorigen Frühjahr mit 99 Jahren kurz vor dem Aufstieg in die Bundesliga gestorben ist.
An diese Momente denke ich, wenn ich die aktuellen Herausforderungen betrachte. Diese Gedanken wärmen irgendwie von innen. Gerade in Zeiten wie diesen.