Vor dem wichtigsten Spiel der Saison gibt sich Tim Knipping betont gelassen. „Jetzt freue ich mich auf die Hölle in unserem Stadion“, sagte der Kapitän von Dynamo Dresden der Sächsischen Zeitung. Mit 30.000 leidenschaftlich lauten Fans im Rücken soll das Relegationsrückspiel am Dienstag (20.30 Uhr/Sat.1 und Sky) für die Roten Teufel vom 1. FC Kaiserslautern zum Albtraum werden. Und wenn alle wieder wach sind, will Dynamo immer noch das sein, was es gerade ist: ein Fußball-Zweitligist.

Das letzte Spiel der Saison wäre ein guter Zeitpunkt für den ersten Sieg in diesem Jahr. Einen emotionalen Erfolg landete Dresden laut Knipping schon mit dem 0:0 im Hinspiel. „Auf dem Betzenberg vor fast 50.000 frenetischen Fans zu bestehen, muss sich nach unserer langen Serie nicht gewonnener Spiele wie ein Sieg anfühlen“, sagte der 29-Jährige. „Als Kind hat man davon geträumt, in einem solchen Stadion solche Spiele zu spielen, mir macht das richtig Spaß.“

Für Dresden und Kaiserslautern steht viel auf dem Spiel

Spaß, der sich wohl nicht auf das Spiel übertragen lässt. Wie schon das erste Aufeinandertreffen dürfte auch das Rückspiel kein glanzvolles Fußball-Fest werden. Dafür steht für beide Klubs zu viel auf dem Spiel. „Es ist ein echtes Endspiel, es muss einen Sieger geben“, sagte FCK-Trainer Dirk Schuster. „Der massive Druck liegt eher bei Dynamo als höherklassigem Verein. Für uns gilt: Volle Konzentration auf diese 90, vielleicht 120 Minuten oder noch länger. Wir haben im Hinspiel ein gutes Ergebnis geholt, auch wenn sich einige sicherlich einen Sieg gewünscht hätten. Das ist ein echtes Endspiel. Wir haben immer noch eine Fifty-fifty-Chance.“

Es sind die üblichen verbalen Spielchen, den Gegner in diesen Situationen starkzureden. Dresdens Trainer Guerino Capretti muss vor dem Anpfiff wie in Kaiserslautern wieder das große rhetorische Besteck rausholen. „Er hat eine unfassbar gute Ansprache vor dem Spiel gehalten“, berichtete Knipping. Er habe die Mannschaft definitiv heißgemacht und gut eingestellt.

Dass es Diskussionen über Capretti gibt, ist angesichts der Erfolglosigkeit normal. Und womöglich entschließt sich Dynamo im Sommer zu einem erneuten Personalwechsel auf der Stelle. Doch am Dienstagabend müssen diese Gedanken an die Zukunft verdrängt werden.

Denn Relegationsspiele liegen Capretti und Dynamo eigentlich. Der Coach stieg 2020 mit dem SC Verl gegen Lok Leipzig in die Dritte Liga auf – allerdings ohne Sieg. Das ist durch die Abschaffung der Auswärtstor-Regelung nicht mehr möglich. Dynamo setzte sich zweimal in den Entscheidungsspielen gegen Osnabrück durch, zuletzt mit einem 2:0 im Rückspiel im ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion.

Dass die Fans ein entscheidender Faktor sein könnten, ahnt auch Schuster. Deshalb machte es der 54-Jährige wie Knipping und versuchte, den Vorteil auf seine Seite zu ziehen. „Ich habe es der Mannschaft schon gesagt: Wir sollten das positiv angehen. Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als wenn man 30.000 Leute im Stadion gegen sich hat und diesen Leuten dann beweisen kann, dass man ihrer Mannschaft auch wehtun kann“, sagte Schuster. Etwa 3000 FCK-Fans werden im Dresdner Stadion sein.

Am Montagmorgen ging es bereits für die Spieler mit dem Flugzeug nach Dresden, am Abend stand dann das Abschlusstraining im Rudolf-Harbig-Stadion an. Welches Personal ihm schlussendlich am Dienstag zur Verfügung stehen wird, konnte Schuster am Montag nicht endgültig sagen. „Wir hatten gestern ein Regenerationsprogramm und müssen jetzt mal in die Mannschaft reinhören, wie der körperliche Zustand ist. Ich weiß, dass alle auf einen Einsatz brennen“, erklärte der gebürtige Chemnitzer. „Aber für dieses letzte Spiel der Saison werden wir nur Spieler aufs Feld schicken, die hundertprozentig belastbar sind und die 90 oder 120 Minuten dagegenhalten können.“

Hoffen auf erneut friedliche Fanlager

Da an diesem Tag definitiv ein Verein obenauf und einer unterlegen sein wird, bleibt zu hoffen, dass sich die Fanlager erneut friedlich verhalten. Abgesehen von zahlreicher Pyrotechnik, die während des Hinspiels in beiden Blöcken gezündet wurde, bewertete die Polizei das Geschehen weitgehend als ruhig. So habe es „verhältnismäßig wenig Anlässe“ gegeben, um einzuschreiten.

Heißblütig können auch die Dynamo-Anhänger sein, was als Faustpfand für den Klassenverbleib herhalten kann. Im Negativfall aber können sie auch unkontrolliert auftreten. Die Dresdner Polizei ist genau wie der Verein auf alle Eventualitäten vorbereitet. „Gleichzeitig appellieren wir an alle Fans, ihren Beitrag zu einem echten Fußballfest im Rudolf-Harbig-Stadion zu leisten“, sagt Geschäftsführer Jürgen Wehlend.