Spontane Zaunparty an der Alten Försterei.
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Berlin-KöpenickEin ungewöhnliches Souvenir der glückselig beendeten Premierensaison in der Fußball-Bundesliga wird Urs Fischer im Urlaub noch beschäftigen. Den Brief eines um Unterstützung im Abstiegskampf bittenden Werder-Fans, der recht altmodisch auf dem Postweg von Bremen nach Köpenick gelangte, wird der Schweizer noch beantworten. Respekt vor den Fans gehört bei Union schließlich zum Kulturgut. Doch dann will der Schweizer Kraft sammeln für die nächste Runde Bundesliga-Abenteuer mit dem 1. FC Union Berlin.

"Alle im Verein sind froh, dass jetzt Schluss ist. Es ist Zeit, dass Ferien sind: Runterfahren, ausschlafen, die Familie genießen", sagte Fischer nach dem 3:0 zum Abschluss der Geister-Spielzeit gegen den in die Zweitklassigkeit geschickten Konkurrenten Fortuna Düsseldorf. Nach einem Teamabend bekamen die Union-Profis von Fischer am Sonntag noch ihre Fitnesspläne für die wohl rund vierwöchige Erholungspause.

Im Gegensatz zum Trainer warten auf Geschäftsführer Oliver Ruhnert und Klub-Chef Dirk Zingler Projekte, die kaum Aufschub erlauben. Ruhnert muss für Fischer ein wehrhaftes Team auch für das zweite Erstliga-Jahr der Eisernen zusammenstellen. Außer Torwart Rafal Gikiewicz (zum FC Augsburg) verlassen auch Sebastian Polter sowie die ausgeliehenen Keven Schlotterbeck (SC Freiburg) und Yunus Malli (VfL Wolfsburg) den Klub. Felix Kroos berichtete von fortdauernden Verhandlungen. Weitere Fortgänge sind nicht ausgeschlossen.

Zingler tat sein Anliegen vor dem Düsseldorf-Spiel im Programmheft kund. Und es ist für Union von mindestens ebenso elementarer Bedeutung. Die Fans sollen zurück in die Alte Försterei - so schnell wie möglich. Der lautstarke Anhang ist die in der Bundesliga ungewöhnliche Kraft, die Union von vielen Konkurrenten unterscheidet.

Noch einmal 41 Punkte und Platz elf in einer möglicherweise kompletten Geister-Saison - und das auch noch auf Augenhöhe mit Lokalrivale Hertha BSC - sind ohne die spezielle Atmosphäre kaum zu schaffen. Das wissen alle bei den Eisernen. Und deshalb bündelt man bis ganz oben in die Chefetage die Kräfte, um auf eine Rückkehr der Anhänger bei den Entscheidern in Liga und Politik hinzuwirken.

"Ich wünsche mir für den Start der neuen Saison klare und verständliche Regeln für die Wiederzulassung von Menschen zu Großveranstaltungen ohne Abstandsregeln", erklärte Union-Präsident Zingler im Stadionheft. Das Erlebnis Fußball werde bei fortdauernder Geisteratmosphäre beschädigt, so die Erklärung. Tatsächlich ist aber der Zweck entscheidend. Union braucht die Unterstützung. Als Motivation für das Team, aber auch für die knappen Finanzen.

Bei aller gebotenen Vorsicht, zum Thema Corona keinen verbalen Fettnapf zu erwischen, machte der Unternehmer doch klar, wie er entscheiden würde, wenn er könnte. "Wir spielen Fußball für Menschen, und zwar in erster Linie für Menschen im Stadion. Von dieser Grundhaltung bringt uns kein Ausnahmezustand ab, darauf arbeiten wir mit aller Kraft hin", sagte Zingler.

Der Union-Vorstand muss sich auf eine zähe Auseinandersetzung einstellen. Der Kampf gegen Autoritäten gehört bei Union aber zum guten Ton. Die Worte von DFL-Boss Christian Seifert bei der Meisterehrung des FC Bayern München in Wolfsburg dürften Zingler dennoch ernüchtert haben. "Ja, es sieht anders aus, es hört sich anders an, und es fühlt sich anders an. Aber das war die einzige Bundesliga, die möglich war. Und die neue Saison wird mindestens zu Beginn noch genauso aussehen", sagte der Bundesliga-Chef.

Nach dem Charakter-Coup gegen Düsseldorf musste für Union ohnehin noch einmal eine Zaun-Party genügen. Angeführt von Gikiewicz feierten die Profis mit mehr als 100 Fans am Gatter. Die Metallabsperrung hielt Fußballer und Fans gerade so auf nötigem Corona-Mindestabstand.