Theo Reinhardt ist nicht mehr solo. Die Deutsche Meisterschaft im Zweiermannschaftsfahren der Bahnradspezialisten muss er aber ohne seinen Stammpartner Roger Kluge fahren. Mit dem gebürtigen Eisenhüttenstädter hatte Reinhardt in den vergangenen beiden Jahren große Erfolge erzielt. Gekrönt wurde die gemeinsame Erfolgsserie 2018 und 2019 jeweils mit dem Weltmeistertitel.

Doch nach solchen Höhepunkten lässt Kluge seinen Madison-Kollegen auch gern mal für längere Zeit allein. Denn den Bahnspezialisten zieht es ebenso auf die Straße. Derzeit ist er beim belgischen Radsportteam Lotto Soudal engagiert, wo er die Rolle als Anfahrer für den Sprinter Caleb Ewan übernommen hat. Mit großem Erfolg. Bei mehreren großen Rundfahrten in diesem Jahr, unter anderem dem Giro d’Italia, gelangen dem Australier Ewan mehrere Etappensiege. Gerade hat Kluge mit seinem Team die Tour de France beendet, wo er Ewan sogar zu drei Etappensiegen verhalf, allen voran zum symbolträchtigen Erfolg auf der Schlussetappe in Paris.

Reinhardts Erfolgschancen minderte das nicht:  Er siegte am Freitagabend im Velodrom zusammen mit Maximilian Beyer aus Berlin im Zweier-Mannschaftsfahren mit 41 Punkten. „Es war ein geiles Rennen und hart umkämpft. Max hat einen sehr, sehr guten Tag erwischt, großes Kompliment, wie er sich eingefügt hat“, sagte Reinhardt, der bereits am Donnerstag im Punktefahren triumphiert hatte.

Bei der Tour mitgefiebert

Wie könnte Reinhardt seinem Mannschaftskameraden da böse sein? Im Gegenteil. „Ich ziehe den Hut vor Roger, das hat er wirklich gut gemacht“, sagt der zweimalige Weltmeister über seinen noch erfahreneren und erfolgreicheren Partner, der 2008 in Peking Olympiasilber im Punktefahren errungen hatte. „Ich habe mit Roger in den drei Tour-Wochen mitgefiebert, mehrfach mit ihm telefoniert oder via WhatsApp kommuniziert und ihm natürlich zu den Erfolgen von Ewan gratuliert.“ Denn daran habe Roger einen „ganz großen Anteil“, sagt Reinhardt, „auch wenn man das im Fernsehen gar nicht so mitbekommt.“

Zwar wäre er gerne mit Kluge gefahren, doch der solle sich nun erst mal erholen. „Ich bin ja inzwischen schon recht erwachsen und komme auch gut allein zurecht“, sagt der 28-Jährige.

Punkte für Olympia

Wie auch immer, eines steht für den Weltmeister fest: „Wenn ich im Trikot mit den Regenbogenstreifen an den Start gehe, dann will ich auch gewinnen. Das erwarten alle von mir.“ Kluge erwarte das auch. „Ich bin in den Wochen, in denen Roger die Tour gefahren ist, ja auch nicht faul gewesen.“ Schließlich gelte es, sich neben der Deutschen Meisterschaft auch bei den folgenden Weltcuprennen und der Europameisterschaft für die Auswahl zu empfehlen und die nötigen Qualifikationspunkte für die Olympischen Spiele im nächsten Jahr in Tokio zu sichern.
Kluge, „mit seiner Ruhe und seinem riesigen Motor“, wie Reinhardt sagt, und der Berliner mit „seiner taktischen Übersicht“ – um nur zwei ihrer Stärken zu nennen – gehören zum Maß aller Dinge im Madison. Gemeinsam gibt es für sie deshalb ein großes Ziel: Olympia-Gold in Tokio. „Vor zwei Jahren“, gesteht Reinhardt, „hätte ich mich noch nicht gewagt, so etwas zu sagen.“ Aber er sei mit seinen Aufgaben gewachsen. Und für die nahe Zukunft bis Olympia gelte zudem: bei großen Rennen nicht mehr ohne seinen Roger.