Häufig werden Ideen an den unspektakulärsten Orten zu konkreten Projekten. Manche entstehen auf der Toilette, andere beim Joggen oder wie bei „Die Finals – Berlin 2019“ in der S-Bahn auf dem Weg zum Berliner Olympiastadion. Dort saß vorigen Sommer ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky, er war gerade von den European Championships in Glasgow gekommen und auf dem Weg zur EM der Leichtathleten. In der S-Bahn hörte er Jugendliche darüber reden, dass „wir“, also die Deutschen, gerade eine Bahnradmedaille gewonnen hätten.

Balkausky hat diese Episode erzählt, um zu verdeutlichen, was die Finals, eine Ballung von zehn Deutschen Meisterschaften in zehn Sportarten an einem Wochenende in Berlin, bewirken sollen: dass eine Randsportart wie das Bahnradfahren, die an der Kante zur Unsichtbarkeit balanciert, im Bündel mit öffentlichkeitswirksamen Sportarten wie der Leichtathletik an Gewicht, an Reichweite zulegt und in der S-Bahn oder anderswo Gesprächsstoff wird. Man könnte das Ganze also eine Meisterschaft der Quersubventionierung nennen. Denn es soll, wie vorigen Sommer bei den European Championships in Glasgow und Berlin, eine Art olympisches Band entstehen, wenn am Wochenende Leichtathleten, Schwimmer, Boxer, Triathleten, Turner, Kanuten, Bogenschützen, Fünfkämpfer, Bahnrad- sowie Trialfahrer ihre nationalen Meister ermitteln.

Familiensportfest für alle

Zudem feiert der Landessportbund auf dem Olympiagelände sein Familienfest mit Sport zum Probieren, die Triathleten starten am Wannsee ein Jedermann-Rennen, Kinder können das Turnabzeichen ablegen. „Wir versuchen, über das Zusammenbinden von Sportarten mehr entstehen zu lassen als viele Einzelveranstaltungen an einem Ort: eine Veranstaltung die auch als Gesamtheit wahrgenommen und wertgeschätzt wird“, hat Balkausky dem Portal Leichtathletik.de gesagt.

In der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport stieß die Idee von ARD und ZDF auf Gegenliebe: „Die Finals sind ein Leuchtturm-Event für die Hauptstadt. Zehn Meisterschaften an einem Wochenende mit 3 300 Athletinnen und Athleten zu veranstalten, ist in dieser Vielfalt nur in der Sportmetropole Berlin möglich“, sagt Gabriele Freytag, Projektleiterin der Finals und in der Senatsverwaltung unter anderem für Sportstandortmarketing zuständig.

Im Sommer wie im Winter

„Wir wollen mit der Veranstaltung an die erfolgreiche Konzeption der Wintersport-Wochenenden anknüpfen“, erläutert ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. „Damit zeigen wir auch, wie wichtig uns die Unterstützung für viele olympische Sportarten in Deutschland ist.“ 20 Stunden senden ARD und ZDF live aus Berlin, es soll acht Livestreams geben, von den Kanu- und Triathlon-Wettbewerben liefern Kamera-Drohnen Bilder aus der Berliner Luft. Und natürlich sparen sich die öffentlich-rechtlichen Sender mit dem konzertierten Multisport-Wochenende enorme Produktionskosten. Das Land Berlin investiert 3,3 Millionen Euro in die Unterstützung der Fachverbände.

Außerdem werden Berlins Sportstätten beturnt, beschwommen, befahren. Das verspricht Prestige, Aufmerksamkeit, schöne Fernsehbilder mit den Wahrzeichen der Stadt im Hintergrund. Um sich als Sportmetropole und vor allem im Hinblick auf eine künftige Olympiabewerbung zu positionieren, ist so ein Multisport-Event ideal – wenn es gelingt. Wenn die Zuschauer an der Spree, in Olympiapark und -stadion, der Schmelinghalle, der SSE, in Velodrom oder Jahnsportpark für Stimmung sorgen.

Frei erfundener Wettbewerb

Die Frage ist allerdings: Wie viel ernsthafter Sport steckt in den Finals? Und wie viel ist bloßes Event? Oder ist es ganz einfach so, dass der moderne Leistungssport auf nationaler Ebene ohne Eventisierung ohnehin niemanden mehr interessiert?

Die Schwimmer etwa haben ihren Jahreshöhepunkt mit der WM gerade hinter sich. Die Boxer tragen ihre Meisterschaft sonst im Winter aus. Die Kanuten paddeln entlang der East Side Gallery im direkten Duell auf zwei Bahnen, nicht auf neun wie sonst. Statt 200 Meter sind die Sprints nur 160 Meter lang. Und wenn Olympiasieger Ronald Rauhe sagt: „Für einen Berliner Jung’ ist das natürlich eine tolle Location vor einer schönen Kulisse“, verschweigt er die sportliche Irrelevanz des frei erfundenen Fernsehwettbewerbs. Zumal es auch Stimmen im Kanuverband gibt, die sagen, man dürfe sich vom Fernsehen nicht verbiegen lassen und seinen Sport verraten.

Kritik von Harting und Reh

Etliche Akteure des Leichtathletikverbandes haben Magengrummeln, weil sie ihre Meisterschaften auf Wunsch der Fernsehanstalten im Olympiastadion auszutragen haben. Das ist mit seinem Fassungsvermögen von 70.000 Zuschauern reichlich groß für ein Produkt, das vorigen Sommer die Nürnberger Fußballarena mit 50.000 Plätzen nicht mal zur Hälfte füllte. Langstreckenläuferin Alina Reh fürchtet fehlende Nähe zu den Fans im viel zu großen Rund, das ohnehin nur den Unterrang öffnet. Diskus-Olympiasieger Christoph Harting sagt: „Ich hätte auch lieber im Jahnsportpark geworfen. Ich war schon mal bei Deutschen Meisterschaften im Olympiastadion. In der Jugend, da haben wir vor 600 Zuschauern geworfen, vielleicht waren es 2.000. Ich habe das Olympiastadion noch nie voll erlebt – außer beim Helene-Fischer-Konzert.“

Im Jahnsportpark tummeln sich die Trialfahrer, die für die Wasserspringer eingesprungen sind. Die waren als zehnte Sportart geplant. Für sie beginnt allerdings am Montag die EM, bei der es um olympische Quotenplätze geht. „Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen“, sagt Bundestrainer Lutz Buschkow, der seinen Springern sonst gern die Chance geboten hätte, im Rampenlicht aufzutauchen. Jörg Brokamp, Geschäftsführer des Deutschen Schützenbundes, nennt die Finals „eine massenattraktive Plattform, die für die meisten Verbände aus eigener Kraft unerreichbar wäre“.

Sport um des Sports Willen scheint nicht mehr gefragt zu sein. Offenbar müssen andere Ideen greifen. Egal, wo sie entstanden sind.