Von Motorsport kann in der Formel 1 derzeit nur geträumt werden.
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Rennfabrik, wie schön das klingt… Doch von all dem Glanz, der Zukunft und dem Tempo ist momentan nicht mehr viel übrig. In dieser Woche ist das neunte Rennen der Formel 1 abgesagt worden, frühestens soll es jetzt Ende Juni wieder losgehen mit der Weltmeisterschaft. Die vorgezogene Sommerpause ist deshalb bis in den Mai hinein verlängert, alles muss dicht bleiben. Wenig überraschend, dass mittlerweile vier von zehn Rennställen ihre Belegschaft in die Kurzarbeit schicken, auch das Formel-1-Management ist davon betroffen. Manager und Fahrer verzichten auf 20 Prozent ihrer Gehälter. Selbst das Sauber-Werk in Hinwil, in dem die Formel-1-Autos von Alfa Romeo gebaut werden, muss zu dieser Zwangsmaßnahme greifen. Der Rennstall, der Mercedes und BMW in der Königsklasse vertreten hat, gilt von jeher als eines der effizientesten Teams. Die Existenz ist zwar nicht unmittelbar bedroht, denn hinter der Technologieschmiede steht ein schwedischer Tetrapak-Erbe. Aber auch die Reichen gucken nicht einfach zu, wie das Geld schwindet.

Aber bei Rennwagen ist es wie mit Flugzeugen: sie verdienen nur Geld, wenn sie unterwegs sind. Die unabhängigen Teams leben praktisch komplett von der Beteiligung an den Werbe- und Fernseheinnahmen. Das sind für 2019 ungefähr eine Milliarde Dollar, verteilt nach einem komplizierten Schlüssel. Auch deshalb versucht der Rechteinhaber Liberty Media um jeden Preis, doch noch möglichst viele Rennen zu fahren, vielleicht auch nur Geister-Grands Prix, oder auch mal gleich zwei an einem Wochenende. Hauptsache, es sind mindestens acht, denn erst dann zählt die Weltmeisterschaft. Am allerbesten wären 15, denn so viele WM-Läufe sind nötig, damit die großen Fernsehsender den vollen Betrag bezahlen. Aber die alle in sechs Monaten zu fahren ist teurer als sie auf ein ganzes Jahr zu verteilen. Denn es braucht eine intensivere Logistik, mehr Ersatzteile auf Lager, mehr Mechaniker. Dann müssten wohl wieder Doppelschichten in den Rennfabriken gefahren werden.

Zerbrechlicher Zustand

Aber die Formel 1 wäre nicht jene Champions League der Egoisten, wenn jetzt uneingeschränkt Solidarität und Frieden herrschen würden. Gestritten wird um die Budgetdeckelung für die kommende Saison. Die liegt bei 175 Millionen Dollar, was etwa der Hälfte der Branche wenig bis nichts bringt, weil ihr Jahresetat ohnehin drunter liegt. Deshalb fordern die Kleinen ein budget cap von 100 Millionen. Den Konzernteams Ferrari, Mercedes, Renault und Red Bull aber sind die Einschränkungen zu groß, sie haben ja von Haus aus den Vorteil eines (bislang) garantierten Geldflusses. Doch schon machen Gerüchte die Runde, dass auch einer der Großen die Corona-Krise nützen könnte, sich elegant zu verabschieden. Selbst McLaren-Geschäftsführer Zak Brown warnt, dass die Formel 1 sich derzeit „in einem sehr zerbrechlichen Zustand“ befindet.

Frederic Vasseur ist Statthalter von Alfa Romeo, ein alter Hase im Renngeschäft, und ein bekennender Realo. Seinem Team stehen 56 Millionen Dollar Gewinnausschüttung vom Vorjahr zur Verfügung, mindestens noch einmal so viel Kapital muss von Sponsoren kommen. Aber auch die bezahlen natürlich nur für Rennen, die auch gefahren werden. Selbstkritisch sagt der Franzose, dass es für die Menschen momentan wichtigere Dinge als die Formel 1 gäbe, da könne man auch mal einen Gang herunterschalten. Aber er ist eben auch ein Racer, verantwortlich für 500 Jobs im Zürcher Oberland: „Wir müssen zurück auf die Strecke. Und wir müssen kapieren, dass wir alle im selben Boot sitzen.“ Mit seinen Strategen arbeitet er laufend neue Pläne aus, wann die Mechaniker wieder mit dem Boxenstopptraining beginnen, wann am aktuellen Auto und nicht mehr an Oldtimern geschraubt wird – ohne zu wissen, wie lange der Stillstand noch dauert.

Aber das ist auch eine der Stärken der Formel 1: blitzschnell auf Veränderungen zu reagieren, und das Beste draus zu machen. Bei Weltmeister Mercedes haben die Renningenieure zusammen mit Studenten innerhalb von nur 100 Stunden ein Beatmungsgerät für britische Krankenhäuser zur Serienreife gebracht.