Joachim Löw ist kein Freund des engen Terminplans seiner Nationalmannschaft.
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Frankfurt/KölnDie Sinnfrage, daran erinnert sich Oliver Bierhoff sehr gut, käme eigentlich jedes Jahr im Herbst auf Wiedervorlage. Immer im Oktober, wenn die Saison in den Ligen gerade erst begonnen hat und die besten Fußballprofis zu Länderspielterminen abgestellt werden müssen, werde die Existenzberechtigung der Nationalmannschaft infrage gestellt. Das Gegenargument des für die Nationalteams unter DFB-Obhut verantwortlichen Direktors lautet sodann, sich an „große Turniere mit tollen Mannschaften“ zu erinnern. Dummerweise trat unlängst ausgerechnet Bundestrainer Joachim Löw als schärfster Kritiker auf, der speziell das Freundschaftsspiel gegen die Türkei (Mittwoch 20.45 Uhr/RTL) als überflüssigen Termin bezeichnete, der den Nations-League-Partien in der Ukraine am Sonnabend und drei Tage später gegen die Schweiz (beide 20.45 Uhr/ARD) vorgeschaltet ist. Tenor: Eigentlich würde er viel lieber trainieren als spielen. Drei Länderspiele in sieben Tagen seien zu viel.

Bierhoff warb am Montag aus dem Kölner Hyatt Regency Hotel um Verständnis für die Herausforderungen in besonderen Zeiten, die „für den gesamten DFB nicht einfach“ seien. Zugegebenermaßen besitze der morgige Test „sportlich nicht die ganz große Bedeutung“. In Köln-Müngersdorf tritt ja nur eine B-Elf an. Acht Stammkräfte, der Bayern-Block mit Manuel Neuer, Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry, die Leipziger Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann sowie Real-Star Toni Kroos werden erst am Dienstagabend anreisen, um dann in der Ukraine aufzulaufen. Aus diesem Trip ergibt sich gleich das nächste Problem: Vom Serienmeister Schachtjor Donezk wurden Torhüter Andrij Pjatov und Mittelfeldspieler Taras Stepanenko positiv auf das Coronavirus getestet, ein halbes Dutzend Nationalspieler müssen in Quarantäne.

Bei solchen Nachrichten, gab Bierhoff zu, denke man sofort, „was das bedeutet“. Nämlich: „Wir werden in der Ukraine sehr vorsichtig hantieren.“ Eine Absage der Reise in ein Risikogebiet wird indes nicht erwogen. Hinter einem einzigen Länderspiel stehen mittlerweile zweistellige Millionensummen. Der 52-jährige Nationalmannschaftsmanager verwies sehr deutlich auf die „vertraglichen Verpflichtungen“ gegenüber der Uefa, die dem DFB für insgesamt 40 Länderspiele in einer mehrjährigen Rechteperiode über die zentrale Vermarktung eine hohe Summe garantiert hat. Intern kalkuliert der DFB allein für das Freundschaftsspiel gegen die Türkei mit fast zehn Millionen Euro Einnahmen.

Der deutsche Verband hat damit aber auch jeden Gestaltungsspielraum verkauft. Man bekomme einen Kalender vorgelegt, erläuterte Bierhoff, bei dem nur noch Termine und Uhrzeiten entgegengenommen werden. Deswegen werde auch im März 2021 an drei Terminen gespielt. Ob dieser allein an monetären Überlegungen ausgerichtete Dauerbetrieb die Akzeptanz von Länderspielen langfristig festigt, sei einmal dahingestellt – da können die Nationalspieler noch so viele virtuelle Schulbesuche unternehmen oder wie jetzt neuerdings geplant am „Wer-wird-Millionär-Quiz“ von Günther Jauch für einen guten Zweck teilnehmen.

Selbst der ob der Belastungen höchst besorgte Bundestrainer scheint sich mittlerweile mit den Zwängen arrangiert zu haben. Seine Mannschaft hatte zum Re-Start im September weder gegen Spanien (1:1) noch in der Schweiz (1:1) einen Vorsprung ins Ziel retten können. Der 60-Jährige ließ jetzt verlauten:  „Wir wollen wieder Erfolgserlebnisse, wir wollen Tore schießen und wieder Siege einfahren. Wir wollen konzentriert und intensiv arbeiten, aber auch Spaß haben und diesen Spaß auch zeigen.“

Vermutlich aber in der weniger vergnüglichen Atmosphäre eines Geisterspiels: Wie Bierhoff am Montag berichtete, mache ihm die auf 38,8 gestiegene Sieben-Tages-Inzidenz der Stadt Köln kaum Hoffnung, „dass wir vor Zuschauern spielen können.“ Der DFB wollte mit einer Freikartenaktion 9200 Besucher ins Kölner Stadion locken. Dass die Tickets sogar gratis rausgehen würden, um wenigstens ein bisschen Begeisterung zu importieren, schreibt Löws Assistenztrainer Marcus Sorg den allgemeinen Begleitumständen zu. „Insgesamt ist durch Covid-19 die Stimmung nicht gerade euphorisch.“

Um die Nationalspieler bei Laune zu halten, hat sich der Trainerstab einen Mix „aus Anspannung und Entspannung“ erdacht. Dass Löw „im Grunde mit zwei unterschiedlichen Aufgeboten“ plant, wird von den Akteuren offenbar goutiert: Am Montag hatte nur Suat Serdar (FC Schalke 04) wegen einer Verletzung abgesagt, Timo Werner (FC Chelsea) verschob wegen einer Erkältung seine Anreise aus London. Nach dem obligatorischen Coronatest bewegt sich der DFB-Tross erneut in einer eigenen Blase, die diesmal auf zwei Etagen im Kölner Mannschaftshotel eingerichtet wird. Sorg ist sich bei den vielen anberaumten Gesprächen und Sitzungen sicher, „dass keinem Spieler bei uns langweilig wird“. Goretzka hat gerade erst am Sonntag verraten, dass er gerne  zur Nationalmannschaft fahre, weil er dann mal wieder ein „paar andere Gesichter“ als nur seine bayrischen Kollegen sehe. Damit wäre die Sinnfrage in Ansätzen geklärt.